Weibliche Netzwerke

Kategorien: Ausgabe 72, Verhalten, Berggorillas

Drei Generationen Berggorillas: Gutangara mit ihrer kleinen Tochter neben ihrer erwachsenen Tochter Shishikara und Enkel Kira (© Dian Fossey Gorilla Fund)

Bei vielen Tierarten verlassen Individuen eines Geschlechts und manchmal auch beider Geschlechter ihre Herkunftsgruppen, um einer anderen Gruppe beizutreten. Bei einigen Arten, auch bei Menschen und Gorillas, können Individuen im Lauf ihres Lebens mehrfach die Gruppe wechseln. Dieser Vorgang spielt eine zentrale Rolle für die Vermeidung von Inzucht, die Förderung des Genflusses und die Bildung sozialer Beziehungen.

Trotz ihrer Allgegenwärtigkeit und Bedeutung ist die Ausbreitung der Tiere noch nicht vollständig verstanden. Am besten erforscht ist die erste Phase des Prozesses, wobei man versucht zu erklären, warum Individuen überhaupt die Gruppe verlassen. Im Unterschied dazu ist die zweite Phase, in der die Tiere ihr Ziel wählen, bisher weitgehend unerforscht; es ist auch schwierig, sie im Blick zu behalten, wenn sie ihre Gruppe verlassen haben. Bei Berggorillas werden männliche Tiere durch die Abwanderung typischerweise zu Einzelgängern, während weibliche Tiere direkt von einer sozialen Einheit zur anderen wechseln.

Welche Faktoren bestimmen die Auswahl des Ziels? Unserer Studie zielte darauf ab, die sozialen Biografien zu rekonstruieren, um besser zu verstehen, wie die Tiere ihre Entscheidungen treffen. Anhand von Daten des Dian Fossey Gorilla Fund aus über 20 Jahren zeigten wir, dass die Ziele alles andere als zufällig sind. Gruppenmerkmale wie Geschlechterverhältnis oder Mitgliederzahl spielten eine geringe Rolle, die sozialen Erfahrungen waren besonders wichtig.

Weibliche Gorillas mieden Gruppen mit Männern, mit denen sie aufgewachsen waren, und wählten bevorzugt Gruppen mit vertrauten Frauen. Da weibliche Berggorillas in Gruppen mit mehreren Männern leben können, ist die Vaterschaft oft unsicher. Das Meiden von Männern, mit denen sie ihre Kindheit verbracht haben, könnte sich daher entwickelt haben, um das Risiko für Inzucht zu senken.

Insbesondere für Frauen erwies sich als wichtig, ob in der neuen Gruppe vertraute weibliche Tiere lebten, vor allem solche, mit denen sie zuvor mehrere Jahre verbracht hatten. Der Beitritt zu einer neuen Gruppe kann riskant sein, da deren weibliche Mitglieder häufig gegenüber Neuankömmlingen Aggressionen zeigen. Die Wahl einer Gruppe, die bekannte Sozialpartner enthält, kann daher sowohl die soziale Akzeptanz erleichtern als auch eine schnellere Integration fördern.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass ein Gruppenwechsel nicht nur der Inzuchtvermeidung oder dem Finden von Fortpflanzungspartnern dient, sondern auch stark durch soziale Beziehungen mit dem gleichen Geschlecht geprägt wird. Es wird oft angenommen, dass Individuen, die wiederholt abwandern, weniger in soziale Bindungen investieren, da sie oder ihre Partner jederzeit gehen könnten; unsere Ergebnisse stellen dies jedoch infrage. Statt soziale Bindungen zu beenden, kann das Abwandern eine Möglichkeit sein, sich wieder mit früheren Partnern zu verbinden, selbst nach jahrelanger Trennung. Dies unterstreicht die langfristige Bedeutung sozialer Beziehungen und deutet darauf hin, dass soziale Bindungen über Gruppen hinweg bestehen können.

Victoire Martignac

Originalveröffentlichung:
Martignac, V., Eckardt, W., Mucyo, J. P. S., Ndagijimana, F., Stoinski, T. S., Vecellio, V. & Morrison, R. E. (2025): Dispersed female networks: female gorillas' inter-group relationships influence dispersal decisions. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 292, 20250223