Rückendeckung für den Silberrücken

Kategorien: Gorilla Journal, Ausgabe 59, Erfolge, Aktionen, Zoos

Hundestaffel des Virunga-Nationalparks 2017 mit Marlene Zähner und Wilhelma-Mitarbeiterinnen (© Wilhelma)

Fundraising für In-situ-Artenschutz im Zoologisch-Botanischen Garten Stuttgart

Die meisten Zoos leisten heute einen enormen - und stetig ansteigenden - Beitrag zur Erhaltung bedrohter Arten in deren angestammten Lebensräumen. Sie sensibilisieren nicht nur viele Millionen Besucher jedes Jahr für Naturschutzthemen, sie setzen auch vermehrt darauf, diese Menschen als Verbündete im Artenschutz zu mobilisieren. Schaut man sich die Entwicklung des Artenschutz-Fundraisings in der Wilhelma in den letzten 10 Jahren an, wird dies eindrucksvoll deutlich.

2009 setzte man in Sachen Fundraising erstmals auf andere Wege als das Aufstellen von Spendendosen: Man hängte eine Sammelstation für ausrangierte Mobiltelefone im damaligen Menschenaffenhaus auf. Ob Besucher tatsächlich ihre alten Handys mit in den Zoo tragen würden, um deren Recyclingwert dem Schutz von Berggorillas zu stiften, schien alles andere als sicher. Doch bereits im ersten Jahr sammelte die als "Handyprojekt" bekannt gewordene Initiative dank der Besucher über 1000 Geräte, sie sollte in den nächsten 10 Jahren über 50 000 Euro für den Schutz von Gorillas in Afrika einbringen.

Seitdem baut die Wilhelma kreative Fundraising-Maßnahmen wie den Verkauf von Kunstwerken mit Wildlife-Motiven oder die Organisation von Affen-Lotterien kontinuierlich aus. 2017 wurden auf diesem Weg jährlich bereits 80 000 Euro gesammelt, die komplett an In-situ-Projekte gingen. Der gewachsenen Bedeutung des Artenschutzes trägt seit 2018 ein eigener 150 000 Euro starker Posten im Haushalt der Wilhelma Rechnung. Der erste Einsatz dieses Budgets ermöglichte den Kauf von kostbaren Regenwaldflächen in Belize, um vorhandene Schutzgebiete durch einen biologischen Korridor miteinander zu vernetzen. Auf 400 km² sind nun die Reviere von mindestens 20 Jaguaren auf Dauer gesichert.

Der am weitesten reichende Schritt, um aus dem Zoo einen schlagkräftigen Verbündeten für In-situ-Projekte zu machen, erfolgte schließlich im Frühjahr 2019. Seitdem lädt die Wilhelma nun auch ihre Besucher dazu ein, sich am Kampf um den Erhalt der biologischen Vielfalt zu beteiligen. Der "Artenschutz-Euro" ist im Ticket für Erwachsene prinzipiell enthalten, jeder Wilhelma-Besucher kann aber an der Kasse die Entscheidung treffen, ob er oder sie den Beitrag leisten möchte. Die Erträge werden zu 100 % in weitere Artenschutzprojekte investiert, es gibt keinerlei Verwaltungsgebühren. Die Erfahrungen der ersten 6 Monate zeigen: Den Menschen ist das Thema wichtig, der Beitrag wird zu über 85 % geleistet.

So hat der finanzielle Einsatz für den weltweiten Artenschutz, der 2009 mit wenigen Tausend Euro begann, sich bis Mitte 2019 zu insgesamt mehr als einer halben Million Euro entwickeln können. Aktuell werden damit über 20 Projekte unterstützt. Die davon profitierenden Arten reichen von der Taubenhalsamazone in Brasilien über das Sumatra-Nashorn in Indonesien bis zum in der Natur ausgestorbenen Hochlandkärpfling in Mexiko, der in Zoos nachgezüchtet wird und für dessen Auswilderung ganze Flussabschnitte renaturiert werden.

Schaut man sich beispielhaft an, was die für ihre erfolgreiche Menschenaffenhaltung bekannte Wilhelma allein für Gorillas in Afrika tut, wird weiter deutlich, welch wichtiger Faktor ein engagierter Zoo für die Arbeit der Artenschützer vor Ort sein kann. Im Virunga-Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo stärkt seit 2012 eine eigens hierfür gegründete Spürhundestaffel, die sogenannten Congohounds, den Berggorillas den Rücken. Über 150 000 Euro sind von der Wilhelma an das Projekt geflossen und haben Hundeausbildungen, tierärztliche Behandlungen und mehrere Geländefahrzeuge, aber auch die Umweltbildung junger Kongolesen finanziert. Die Fähigkeiten der Hunde, die über Dutzende Kilometer hinweg Wilderer überführen können, erscheinen unglaublich und zeigen abschreckende Wirkung. Die Population der Berggorillas ist in den letzten 8 Jahren um 25 % auf über 1000 Tiere angewachsen.

Ebenfalls in der Region investierte die Wilhelma allein 20 000 Euro in die Ausrüstung der Wildhüter im Sarambwe-Reservat. Gleichzeitig profitiert die zweite Unterart des Östlichen Gorillas, der Grauergorilla, von einer Initiative, die über die Anpflanzung von Bambushainen den Druck der Bevölkerung von den natürlichen Ressourcen zu nehmen versucht. Und in Kamerun setzt sich seit 2019 eine durch die Wilhelma ermöglichte Umweltbildungsinitiative für das Überleben des Cross-River-Gorillas ein.

Die Herausforderungen im Natur- und Artenschutz sind überall auf der Welt groß, die Situationen häufig ernüchternd. Doch mit dem entsprechenden Einsatz ist es möglich, Arten vor der Ausrottung zu retten und Lebensräume vor Zerstörung zu bewahren. Die Wilhelma hat diese Herausforderung mit Erfolg angenommen - ihren Besuchern gilt der Dank, dass sie sich solidarisch zeigen.

Stefanie Reska

EAZA
Zum europäischen Zooverband EAZA gehören 423 Zoos in 48 Ländern. Moderne Zoos sehen es als ihre Aufgabe an, zur Erhaltung bedrohter Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum beizutragen. Die Tierpopulationen in diesen Zoos repräsentieren als Botschafter ihre wildlebenden Artgenossen. Zoobesucher werden nicht nur über die Bedrohung der Arten informiert, sondern auch dazu aufgerufen, zu ihrem Schutz beizutragen. So startete die EAZA 2010 eine Spendenkampagne für Menschenaffen, bei der 573 084 Euro gesammelt und 26 In-situ-Projekte unterstützt wurden.