Gorilla-Journal 35, Dezember 2007
Langzeitstudie an Westlichen Gorillas: Mbeli Bai
Die Lebensweise von Gorillas kann man erst verstehen, wenn man die gleichen
Tiere viele Jahre lang beobachtet. Bei solchen Studien gewinnen wir nicht
nur neues Wissen über die Tiere, sondern auch Hinweise darauf, was
man bei ihrem Schutz beachten muss.
Bis heute weiß man recht wenig über die Gruppendynamik und
den Lebenszyklus der Westlichen Gorillas. Es gibt nur wenige habituierte
Gruppen, da es im Unterschied zu den Berggorillas viele Jahre dauert,
bis die Gorillas an die Anwesenheit von Beobachtern gewöhnt sind.
Die Entdeckung von Waldlichtungen, in der lokalen Sprache "Bais"
genannt, hat völlig neue Beobachtungsmöglichkeiten geschaffen.
Es handelt sich um Lichtungen im Regenwald, die von vielen Säugetierarten
aufgesucht werden, da sie dort mineralreiche Erde, Lehm und bestimmte
Pflanzen finden, die eine wichtige Rolle in der Ernährung vieler
Tiere spielen (z. B. Natrium). Auf den Bais können die Gorillas gut
beobachtet und identifiziert werden. Da mehrere Gorillagruppen regelmäßig
die Lichtungen besuchen, lassen sich so wichtige demographische Daten
nicht-habituierter Gorillas sammeln.
Die Mbeli Bai im Südwesten des Nouabalé-Ndoki-Nationalparks
in der Republik Kongo ist die größte dieser Waldlichtungen
in der Region. Der Nouabalé-Ndoki-Park bildet zusammen mit dem
benachbarten Dzanga-Ndoki-Nationalpark in der Zentralafrikanischen Republik
und dem Lobéké-Park in Kamerun die Kernzone dieses trinationalen
Schutzgebiets. Auf Mbeli Bai kann man neben Gorillas und Waldelefanten
auch Sitatungas, Waldbüffel, Weißbart-Stummelaffen und zwei
Otterarten beobachten.
Im Februar 1995 startete die WCS ein Programm zur systematischen Beobachtung
der Gorillas auf Mbeli Bai mit dem Ziel, mehr über die Sozialstruktur,
die Populationsdynamik und den Lebenszyklus der Westlichen Gorillas zu
erfahren.
Die Arbeit an einer Waldlichtung unterscheidet sich stark vom Beobachten
einer habituierten Gorillagruppe im Wald. Als Beobachter sitzen wir auf
einer 9 m hohen Plattform am Rand der Lichtung und warten darauf, dass
Gorillas kommen. Das kann Stunden oder sogar Tage dauern. Täglich
halten wir uns etwa 10 Stunden lang an der Lichtung auf und machen detaillierte
Aufzeichnungen über die Tiere. Es dauert mindestens 3 Monate, bis
ein neuer Mitarbeiter alle Gorillas unterscheiden und wiedererkennen kann.
Nur gelegentlich verlassen wir die Plattform und betreten die freie Fläche,
um Kotproben der Gorillas für genetische Analysen am Max-Planck-Institut
für Evolutionäre Anthropologie und zur Untersuchung auf Parasiten
zu sammeln.
Etwa 130 Gorillas besuchen die Lichtung derzeit, 14 Gruppen und 13 einzelne
Silberrückenmänner. Seit Beginn der Studie haben wir über
300 Gorillas beobachtet.
Nach 12,5 Jahren Gorillabeobachtung auf Mbeli Bai hat sich das Bild, das
die Wissenschaft von den Westlichen Gorillas zeichnet, deutlich verändert:
Im Unterschied zu den Berggorillas, deren Familien oft mehrere erwachsene
Männer enthalten, leben die Westlichen Gorillas generell in Gruppen
mit nur einem Silberrückenmann. Dadurch gibt es eine große
Zahl einzelgängerisch lebender Gorillamänner. Die weiblichen
Gorillas wechseln ebenso wie bei den Berggorillas die Gruppe, wenn sie
erwachsen werden. Unfreiwillige Wechsel folgen häufig dem Zerbrechen
einer Gruppe nach dem Tod des Silberrückens. Beim Wechsel einer Mutter
mit ihrem Säugling kann es auch zu Kindstötungen durch den Leiter
der neuen Gruppe kommen; während der Studiendauer beobachteten wir
zwei Kindstötungs-Versuche, und viele Gorillafrauen tauchten nach
einem Gruppenwechsel ohne ihre Kinder wieder auf.
Im Verlauf der Mbeli-Bai-Studie ist viel geschehen: So wurden dreimal
Zwillinge geboren, und wir beobachteten einen Albino-Gorilla. Außerdem
konnten wir beispielsweise erstmals den Gebrauch von Werkzeugen bei freilebenden
Gorillas beschreiben.
Da die Nahrung der Westlichen Gorillas viel mehr Früchte enthält
als die der Berggorillas (wobei Früchte nicht regelmäßig
verfügbar sind) und da die Tiere stärker durch Leoparden bedroht
sind, vermutet man, dass die Jungtiersterblichkeit höher liegt und
dass die Westlichen Gorillas sich langsamer entwickeln. Dies wird derzeit
in der Gorillapopulation auf Mbeli Bai untersucht. Erste Ergebnisse zeigen,
dass Westliche Gorillas ihre Kinder tatsächlich später entwöhnen
als Berggorillas. Das hat zur Folge, dass eine Mutter weniger Nachwuchs
aufziehen kann und dass sich die Population langsamer erholen kann als
bisher angenommen, wenn sie starke Verluste erlitten hat, etwa durch die
Ebola-Epidemie. Solche Erkenntnisse zeigen, wie wichtig Langzeitstudien
für den Schutz der Gorillas sind.
Schließlich hat sich gezeigt, dass die ständige Präsenz
von Beobachtern auf Mbeli Bai eine wirksame Maßnahme gegen Wilderei
darstellt. Vor der Gründung des Nouabalé-Ndoki-Nationalparks
fielen in der Lichtung viele Elefanten den Wilderern zum Opfer; seit Beginn
der Mbeli-Bai-Studie ist die Anzahl gewilderter Tiere auf der Bai und
in ihrer Umgebung auf Null gesunken.
Thomas Breuer

Thomas Breuer arbeitet seit 2002 für die Wildlife
Conservation Society als Forscher bei der Mbeli-Bai-Studie im Noubalé-Ndoki
Nationalpark, Republik Kongo. Dort untersucht er die Sozialstruktur und
das Verhalten der Westlichen Gorillas. Er promoviert gerade am Max-Planck-Institut
für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig.
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