Gorilla-Journal 35, Dezember 2007

Eine humanitäre Katastrophe

Seit 1996 müssen die Bewohner des Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo um ihr Leben fürchten. Verschiedenste bewaffnete Gruppen, auch die Armee und die Polizei, sind eine ständige Gefahr; sie führen einen regelrechten Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Raub und die Zerstörung ganzer Dörfer, Vergewaltigung, Verstümmelung, Folter und Exekution unschuldiger Menschen, oft vor den Augen ihrer Familie, sind an der Tagesordnung. Etliche Journalisten, die kritisch berichteten, wurden gefoltert oder sogar auf offener Straße ermordet.
Besonders die Frauen leiden unter den Grausamkeiten. Schlimmste Vergewaltigungen treffen Frauen jeden Alters. UNICEF registrierte im Ostkongo zwischen Juni 2006 und Mai 2007 12 867 Überlebende sexueller Gewalt, ein Drittel davon Kinder; wie viele Opfer es tatsächlich waren, bleibt im Dunkeln. Viele der Frauen schweigen, weil sie sonst von ihren Familien und Dorfgemeinschaften verstoßen werden. Aus diesem Grund gehen sie auch oft nicht zum Arzt, selbst wenn sie schwer verletzt wurden.
Wie Ärzte ohne Grenzen berichtete, beteiligen sich alle bewaffneten Gruppen im Ostkongo an der sexuellen Gewalt. Nachdem sie die Frauen vergewaltigt haben, verletzen sie sie oft so schwer, dass sie nie mehr Kinder bekommen können und ihr Leben lang unter den Folgen leiden müssen. Häufig werden die Opfer außerdem mit HIV infiziert.
Rebellengruppen beherrschen die ganze Region und gehen immer wieder wechselnde Bündnisse miteinander und mit Regierungsarmeen ein. Manche Gruppen beherrschen bestimmte Gebiete, haben dort eigene "Regierungen", ziehen Steuern ein und terrorisieren die Bevölkerung. Laurent Nkunda behauptet, die Tutsi im Kongo zu schützen. Andere Gruppen wie die Rastas und die Mai-Mai haben keine politischen Ziele, sondern plündern vor allem die Zivilbevölkerung aus. Alle Gruppen rekrutieren Kämpfer, indem sie Erwachsene und Kinder verschleppen.
Als Begründung für die brutalen Angriffe auf Dorfbewohner geben die bewaffneten Gruppen oft an, dass die Bevölkerung die Gegner unterstützen würde. Ihre Terrorakte zwingen die Menschen zur Flucht; nach Schätzungen der UN waren allein in Nordkivu von Dezember 2006 bis Mitte November 2007 mindestens 375 000 Menschen auf der Flucht. Sie strömen in Flüchtlingscamps, wo sie allerdings auch nicht sicher vor gewaltsamen Übergriffen sind.
Dass sich die Kämpfe schon so lange hinziehen, hat viele Gründe - einer davon ist der Ressourcenreichtum des Ostkongo. Viele Kongolesen sind überzeugt, dass das eigentliche Ziel der kriegführenden Parteien die Kontrolle der Bodenschätze ist, mit deren Verkauf sie auch ihre Waffen finanzieren. Einflussreiche Personen haben durch illegalen Handel großen Reichtum erlangt und tun alles, damit die Geschäfte weiterlaufen. Frieden im Ostkongo würde für sie Machtverlust bedeuten; sie haben daher großes Interesse am Fortbestehen der chaotischen Verhältnisse.

CNDP (Congrès National pour la Défense du Peuple): politische Bewegung des Dissidenten General Laurent Nkunda
FARDC (Forces Armées de la République Démocratique du Congo): nationale Armee
FDLR (Forces Démocratiques de Libération du Rwanda): im Jahr 2000 von Angehörigen der besiegten ruandischen Armee und der Interahamwe gegründete Gruppe
Interahamwe: ruandische Hutu-Milizen, die am Völkermord 1994 maßgeblich beteiligt waren
Mai-Mai oder Mayi-Mayi: lokale Milizen im Ostkongo
MONUC (Mission de l'Organisation des Nations Unies en République Démocratique du Congo): UN-Friedenstruppe im Kongo
Rastas: Dissidenten (häufig auch Handlanger) der FDLR.

Viele Organisationen haben Meldungen und Untersuchungen zu den Konflikten im Ostkongo veröffentlicht, unter anderem: Global Witness, Human Rights Watch, International Crisis Group (Kongo-Seite), Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen), MONUC, OCHA, Pole Institute, Refugees International (Kongo-Seite), United Nations Security Council.

Einige Berichte: Human Rights Watch 2007: Renewed Crisis in North Kivu. Direkt zum Download der PDF-Datei (644 KB); Amnesty International veröffentlichte schon 2004 einen Bericht zur Massenvergewaltigung von Frauen, 2005 zum Leiden der Bevölkerung, 2005 zur Herkunft der Waffen sowie zahlreiche neuere Dokumente; Studie des Pole-Instituts zum Handel mit Bodenschätzen (französisch); Watchlist on Children and Armed Conflict publizierte 2006 Struggling to Survive: Children in Armed Conflict in the Democratic Republic of the Congo.

Eine Zusammenstellung verschiedener Dokumente bietet auch die (deutschsprachige) Kongo-Kinshasa-Website.

Ein erschütterndes Buch zur Situation der Frauen:
The Shame of War: sexual violence against women and girls in conflict. United Nations, Office for the Coordination of Humanitarian Affairs; earth print EP-Lib 2007. 137 Seiten, Paperback, 25 US-Dollar. ISBN 92-1-132025-9

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