Gorilla-Journal 35, Dezember 2007
Fünf Fragen zum Gorillaschutz
Warum müssen Gorillas geschützt werden?
Gorillas sind vor allem durch die zunehmende Zerstörung ihres Lebensraums
stark bedroht. Die rasch wachsende Bevölkerung in Afrika benötigt
Land, um sich selbst zu ernähren, und dringt immer weiter in bisher
unberührte Gebiete vor. Für den kommerziellen Holzeinschlag
werden Straßen tief in die Wälder hineingetrieben, was Wilderern
einen Zugang zu Waldgebieten ermöglicht, die sie vorher nicht ausbeuten
konnten. Der Wildfleischhandel hat zusammen mit Ebola-Epidemien die Populationen
der Westlichen Gorillas in einigen Gebieten mehr als halbiert.
Welche Gorillapopulationen sollen geschützt werden?
Diese Frage versucht die von der IUCN veröffentlichte Rote Liste
gefährdeter Arten zu beantworten. Nach der Liste von 2007 sind die
Cross-River-Gorillas in Nigeria und Kamerun vom Aussterben bedroht (mehr
dazu hier). Ihre Population umfasst weniger
als 250 Tiere, die auf zahlreiche Subpopulationen verteilt sind, und ihre
Lebensräume liegen in einem der am dichtesten besiedelten Gebiete
Afrikas.
Von den Westlichen Flachlandgorillas gibt es noch die meisten Tiere, trotz
der starken Dezimierung durch Ebola und den Wildfleischhandel. Da sich
ihre Zahl sehr wahrscheinlich innerhalb von 3 Generationen um 80% verringert
hat oder verringern wird, wurden die Westlichen Flachlandgorillas in der
neuen Roten Liste ebenfalls als vom Aussterben bedroht eingestuft.
Die Grauergorillas, die im Osten der Demokratischen Republik Kongo leben,
sind nach der Roten Liste "stark gefährdet". Im
besten Fall könnte es noch 15 000 Tiere geben, wahrscheinlich sind
es aber wesentlich weniger. Bei der schwierigen politischen Lage in dieser
Region muss allerdings damit gerechnet werden, dass auch die Grauergorillas
bald die Voraussetzungen erfüllen werden, nach denen man sie als
"vom Aussterben bedroht" betrachten muss.
Der Status der Berggorillas, von denen es noch etwa 700 gibt, wird gerade
von der IUCN neu geprüft. Sie galten bislang als vom Aussterben bedroht,
doch ihr Bestand nimmt nicht mehr ab; die Virunga-Population nimmt sogar
zu und die Population in Bwindi bleibt stabil oder nimmt ebenfalls leicht
zu. Trotzdem soll dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass durch
die unsichere politische Situation vor allem die Gorillas im Virunga-Gebiet
stark bedroht sind.
Wie viele Gorillas müssen geschützt werden?
Biogeographische und genetische Analysen weisen darauf hin, dass eine
Population von 5000 Tieren das Überleben der Art für ein Jahrtausend
sichert. 5000 Gorillas benötigen aber auch einen geeigneten Lebensraum
von 5000 km². Außerdem wird es sicher nicht ausreichen, eine
Population zu schützen, denn wie die Ebola-Katastrophe zeigt, kann
selbst eine große Gorillapopulation in kurzer Zeit durch den Ausbruch
einer Krankheit stark dezimiert werden.
Wo sollen die Gorillas geschützt werden?
Leider reichen die finanziellen Mittel nicht aus, um alle Gorillabestände
zu erhalten. Der Schwerpunkt sollte daher auf dem Schutz derjenigen Populationen
liegen, die am stärksten gefährdet sind oder bei denen die Aussicht
auf Erfolg besonders groß ist. Aber auch die genetische Vielfalt
muss berücksichtigt werden: Die westlichsten (Cross-River-Gorillas)
und die östlichsten Vorkommen (Berggorillas) sollten unbedingt erhalten
werden, auch wenn ihre Populationen nur klein sind.
Von den Schutzgebieten umfassen 7 mehr als 5000 km² und beherbergen eventuell
über 5000 Gorillas; 6 davon befinden sich im westlichen Afrika (Kamerun,
Zentralafrikanische Republik, Republik Kongo, Gabun) und eines in Ostafrika
(Demokratische Republik Kongo).
Wie sollen die Gorillas geschützt werden?
Afrika ist ein sehr armer Kontinent, auf dem große Teile der Bevölkerung
ums Überleben kämpfen. Das bedeutet, dass das Geld für
den Gorillaschutz von außerhalb, also aus den Industrieländern
kommen muss. Schließlich ist die Fläche der geschützten
Gebiete in Afrika wesentlich größer als die in den Industriestaaten,
und einige afrikanische Länder geben für ihre Schutzgebiete
mehr Staatsgelder aus als die reichen Industrieländer.
Schlussfolgerung
Berichte in den Medien, nach denen die Gorillas in den nächsten 25
Jahren aussterben werden, sind übertrieben. Dennoch dürften
innerhalb der nächsten 100 Jahre Gorillas außerhalb von Schutzgebieten
sehr selten werden. Gleichzeitig geben das große Engagement der
Mitarbeiter von Schutzgebieten und die Bereitschaft einiger afrikanischer
Regierungen, Gebiete und Geld für den Schutz von Wildtieren bereitzustellen,
Anlass zur Hoffnung auf ein langfristiges Überleben der Gorillas.
Alexander H. Harcourt
Prof. Alexander H. Harcourt lehrt Anthropologie
an der University of California. Er begann seine Arbeit mit Gorillas 1971,
als er Berggorillas in Karisoke beobachtete. Später führte er
weitere Gorilla-Studien durch, unter anderem in Nigeria.
Dieser Artikel ist ein aktualisierter Auszug aus dem folgenden
Buch:
Alexander H. Harcourt und Kelly J. Stewart
Gorilla Society: Conflict, Compromise, and Cooperation Between the Sexes.
Chicago (University of Chicago Press) 2007. 416 Seiten. Hardcover US$
75, ISBN 978-0-226-31602-4. Paperback US$ 30, ISBN 978-0-226-31603-1
zur Übersicht
Homepage |