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Gorilla-Journal 34, Juni 2007
Gorillabesuche - Theorie und Praxis
Besuche von Touristen bei den Berggorillas sorgen für Einnahmen
der Nationalparkbehörden, die auch für das Parkmanagement eingesetzt
werden. Daher gilt der Gorillatourimus als eine wichtige Komponente des
Gorillaschutzes.
Andererseits bergen Gorillabesuche ein hohes Risiko, da beispielsweise
Krankheiten von Menschen auf die Tiere übertragen werden können.
Habituierte Gorillagruppen kommen täglich in Kontakt mit Menschen,
die für das Immunsystem der Gorillas unbekannte Infektionen mitbringen
können. Viele Touristen leiden unter Krankheiten wie Husten oder
anderen Atemwegserkrankungen.
Wie groß das Gesundheitsrisiko ist, das von den Besuchern ausgeht,
hängt von der Zahl erkrankter Touristen in einer Gruppe, der Infektiosität
und dem Übertragungsweg der Erkrankung, der Entfernung zwischen Tourist
und Gorilla, der Anzahl der Touristen in der Gruppe, der Dauer des Besuchs
und dem Alter des jeweiligen Gorillas ab. Jüngere Tiere scheinen
empfindlicher zu sein als erwachsene, außerdem sind Jungtiere neugieriger
und nähern sich eher den Touristen.
Um das Gesundheitsrisiko für die Gorillas gering zu halten, gelten
klare Regeln für die Besuche. Ob sie auch eingehalten werden, haben
wir in einer Studie im Jahr 2004 untersucht. Die Touristen wurden nach
ihrem Besuch bei den Gorillas im Bwindi-Impenetrable-Nationalpark gefragt,
welches der geringste Abstand zu einem Gorilla während des Besuchs
war, wie lange dieser Kontakt gedauert hatte und ob es sich dabei um einen
erwachsenen oder jungen Gorilla gehandelt hatte. Außerdem fragten
wir, wie groß der typische Abstand war: der geringste Abstand, der
mindestens 15 Minuten lang gehalten wurde. Insgesamt nahmen 361 Touristen
aus 133 Gruppen an der Studie teil.
Die Ergebnisse der Interviews zeigen, dass der vorgeschriebene Mindestabstand
von 7 m bei den Besuchen häufig unterschritten wurde. Der geringste
Abstand zu einem Gorilla betrug durchschnittlich 2,76 m, der typische
4,85 m. Kontakte, die von den Gorillas initiiert wurden, führten
zu einem geringeren Abstand als die von den Touristen initiierten. Allerdings
dauerten die von den Gorillas begonnenen Kontakte kürzer. Die Kontakte
von Jungtieren waren enger als die der erwachsenen Tiere, dafür dauerten
die Kontakte mit Erwachsenen länger.
Fazit der Studie ist, dass die Touristen den Gorillas bei ihren Besuchen
sehr nahe kommen und das Risiko der Übertragung von Krankheiten daher
größer ist als bisher angenommen.
Dass der Mindestabstand häufig nicht eingehalten wird, hat verschiedene
Ursachen: Es könnte sein, dass die Gorillas "überhabituiert"
sind und von sich aus den engen Kontakt zu den Touristen suchen, vor allem
die Jungtiere. Außerdem ist der Wald in Bwindi sehr dicht, was es
schwierig macht, eine gute Sicht auf die Gorillas zu erhalten. Dies erhöht
den Druck auf die Führer, die Touristen näher an die Tiere heranzuführen.
Die dichte Vegetation und das steile Gelände erschweren einen raschen
Rückzug der Touristengruppe, wenn sich ein Gorilla nähert. Da
die Tiere meist über ein weites Gebiet verteilt sind, kann es passieren,
dass die Touristen auf einmal von Gorillas umgeben sind und sich nicht
zurückziehen können.
In der Studie fanden wir keine Unterschiede zwischen den verschiedenen
Gorillaführern, und der Abstand zu den Gorillas hing auch nicht von
der Höhe des Trinkgelds ab.
Leider lässt sich bei Gorillabesuchen nicht in allen Fällen
vermeiden, dass der Mindestabstand zu den Tieren unterschritten wird.
Um die Gefahr einer Krankheitsübertragung auf die Gorillas zu verringern,
müssen neue Strategien erarbeitet werden. Eine Möglichkeit wäre,
dass die Besucher Masken über Mund und Nase tragen. Strengere Auflagen
hinsichtlich des Gesundheitszustands der Besucher wären eine andere
Lösung, z. B. Impfvorschriften. Der Gorillatourismus darf nicht dazu
führen, dass die bedrohten Tiere noch weiter in Gefahr geraten.
Chris Sandbrook und Stuart Semple
Dr. Chris Sandbrook untersuchte für seine
Doktorarbeit den Tourismus in Bwindi. Mittlerweile versucht er mit dem
IGCP, den Bauern im Parkumfeld zu Verdienstmöglichkeiten im Tourismus
zu verhelfen.
Dr. Stuart Semple ist Dozent am Centre for Evolutionary Anthropology,
Roehampton University. Derzeit forscht er über Verhaltensweisen zur
Stressbewältigung bei freilebenden Primaten.
Diese Arbeit ist ursprünglich in Oryx 40 (4), 428-433 (2006)
veröffentlicht worden.
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