Gorilla-Journal 34, Juni 2007
Populationsstruktur der Cross-River-Gorillas
Um sie wirksam schützen zu können, muss man die Struktur bedrohter
Gorillapopulationen in fragmentierten Lebensräumen kennen. Dabei
helfen neuerdings genetische Analysen; das Material wird aus dem Kot der
Tiere gewonnen.
Wenn der Lebensraum kleiner Populationen stark fragmentiert ist und es
kaum Migrationsmöglichkeiten zwischen Subpopulationen gibt, besteht
die Gefahr von Inzucht, was mit dem Verlust genetischer Vielfalt einhergeht
und letztlich das Überleben der gesamten Population bedroht. Um zu
klären, ob diese Gefahr den Cross-River-Gorillas (Gorilla gorilla
diehli) bereits droht, untersuchten wir mit Hilfe genetischer Analysen
deren Populationsstruktur und Migrationsbewegungen im Hochland an der
Grenze von Nigeria und Kamerun.
Zwischen Dezember 2002 und September 2004 wurden 322 Kotproben aus Schlafnestern
und von Pfaden, die die Gorillas benutzten, gesammelt und im Labor analysiert.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass es drei Subpopulationen gibt: eine große
zentrale, die sich über die meisten bekannten Gebiete, in denen Cross-River-Gorillas
vorkommen, erstreckt, und zwei kleinere - im Afi-Gebiet und am Kagwene-Berg.
Diese Verteilung entspricht den geographischen Gegebenheiten. Die Gebiete
der zentralen Subpopulation sind durch bewaldetes Flachland miteinander
verbunden, während der Berg Afi praktisch vollkommen durch eine Straße
und landwirtschaftliche Nutzflächen von anderen Gorillagebieten isoliert
ist. Das Kagwene-Gebiet ist ebenfalls bis auf einen schmalen Waldkorridor
in Richtung Upper Mbulu vom Gebiet der zentralen Subpopulation abgetrennt.
Ein Ergebnis steht allerdings im Widerspruch zur Topologie des Gebietes:
die enge genetische Verwandtschaft zwischen den Gorillas des Afi-Bergs
und den Gorillas in Upper Mbulu. Die Gebiete liegen etwa 50 km voneinander
entfernt, sodass diese Verwandtschaft am ehesten dadurch erklärt
werden kann, dass es früher eine Subpopulation gab, die sich im gesamten
Bereich zwischen Afi-Berg und Upper Mbulu verteilte.
Unsere Studie lieferte ein weiteres, sehr interessantes Ergebnis: Trotz
der Fragmentierung des Lebensraums der Gorillas und der starken Bejagung
der Tiere im Flachland haben es einige Tiere geschafft, in ein anderes
Gebiet zu migrieren. Die genetischen Daten zeigen, dass zwei Gorillas
- ein Männchen und ein Weibchen - von den Kagwene- bzw. Afi-Bergen
nach Upper Mbulu bzw. Mbe migriert sind. Zwei weitere Gorillas sind nach
Süd-Takamanda bzw. Nord-Mone eingewandert, ihr Herkunftsgebiet konnte
jedoch nicht geklärt werden. In kleinen Gebieten mit Gorillavorkommen
wie den Afi- und Kagwene-Bergen lebt oftmals nur eine Gorillagruppe. Tiere,
die diese Gruppen verlassen, müssen daher große Distanzen überwinden,
um sich einer neuen Gruppe anzuschließen.
Die Ergebnisse unserer Untersuchung der Populationsstruktur der Cross-River-Gorillas
haben Auswirkungen auf den Artenschutz dieser stark bedrohten Tiere. Entgegen
früherer Annahmen gibt es einen - wenn auch geringen - genetischen
Austausch zwischen den einzelnen Lebensräumen der Cross-River-Gorillas.
Diesen zu erhalten muss ein wichtiges Ziel des Artenschutzes sein. Obwohl
ein Großteil der Verbreitungsgebiete dieser Gorilla-Unterart bereits
unter gesetzlichem Schutz steht, sind die wichtigsten Waldkorridore zwischen
den Gorillagebieten (z. B. zwischen dem Kagwene-Berg und Upper Mbulu sowie
zwischen Nord-Mone und dem übrigen Gebiet der zentralen Subpopulation)
jedoch noch nicht geschützt. Einen Schutzstatus für diese verbindenden
Waldgebiete zu erreichen, wäre ein großer Schritt zum Schutz
der bedrohten Cross-River-Gorillas.
Neben dem Verlust ihres Lebensraums ist für die Gorillas vor allem
der anhaltende Wildfleischhandel eine Bedrohung. Besonders in den Flachlandgebieten
werden die Tiere stark bejagt, und migrierende Tiere sind in diesen Gebieten
dann einem hohen Risiko ausgesetzt. Um das langfristige Überleben
der Cross-River-Gorillas zu gewährleisten, ist ein besserer Schutz
vor Wilderei vor allem im Bereich der zentralen Subpopulation außerordentlich
wichtig.
Zusammenfassung einer Veröffentlichung der beiden Autoren in:
Molecular Ecology 16, 501-516 (2007)
Richard A. Bergl und Linda Vigilant
Dr. Richard Bergl untersuchte die Cross-River-Gorillapopulation
in Nigeria und Kamerun für seine Doktorarbeit. Jetzt ist er Kurator
für Naturschutz und Forschung im North Carolina Zoological Park.
Dr. Linda Vigilant leitet am Max-Planck-Institut für Evolutionäre
Anthropologie in Leipzig ein Forschungslabor für genetische Analysen
bei freilebenden Primaten.
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