Gorilla-Journal 32, Juni 2006
Mensch und Gorilla - Kelly Stewart
Vor fast 30 Jahren hockte Sir David Attenborough in einem Fernsehfilm
inmitten einer Gruppe von Gorillas und flüsterte ehrfürchtig:
"Im Blick eines Gorillas liegt mehr Inhalt und gegenseitiges Verstehen
als in dem jedes anderen Tieres, das ich kenne." Damit sprach er
aus, was Menschen in der Gegenwart von Gorillas empfinden: Ehrfurcht und
Respekt, doch auch eine emotionale Verbindung zu einer anderen Art. Aber
wie gegenseitig ist dieses Gefühl? Erkennen Gorillas einen verwandten
Geist in uns?
Forscher, die habituierte Berggorillas beobachten, versuchen keine Bindungen
zu den Gorillas aufzubauen. Sie sollen so wenig wie möglich gestört
und beeinflusst werden. Aber wenn man Stunde um Stunde, Tag um Tag in
einer Gorillagruppe verbringt, fühlt man sich manchmal, als gehöre
man zu ihnen. Vielleicht ist dieses Gefühl unvermeidlich - haben
wir doch so viel gemeinsam. Dennoch: Die Vorstellung, ein Teil der Gruppe
zu sein, ist zwar verführerisch, aber eine Illusion. Für die
Gorillas bin ich offenbar ein Tier, das viel Zeit in ihrer Nähe verbringt
und von dem keine Gefahr ausgeht. Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass
sie eine besondere Art der Verbindung mit uns fühlen. Wenn ein Gorilla
mich anschaut, dann betrachtet er sein Spiegelbild in meiner Brille und
nicht meine Seele.
Unsere Verbindung zu Wildtieren ist einseitig. Gorillas "akzeptieren"
uns nur in dem Sinne, dass sie die Angst vor uns verlieren. Die größte
Anerkennung ist es, wenn uns ein Gorilla den Rücken zudreht. Dieses
Vertrauen dürfen wir nie missbrauchen.
Kelly Stewart
Weitere Beiträge zum Thema:
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Colin Groves
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Dr. Kelly Stewart beobachtete in den 70er- und
80er-Jahren Gorillas am Karisoke-Forschungszentrum. Sie arbeitet heute
in der Anthropologie der University of California in Davis.
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