Gorilla-Journal 30, Juni 2005
Wo sind die Gorillas?
Schon bald nach der Entdeckung des Gorillas (und seiner wissenschaftlichen
Beschreibung unter dem Namen Troglodytes gorilla) fanden Zoologen
weitere Gorillas in anderen Gebieten und beschrieben sie als neue Arten
- die meisten gelten heute nicht mehr als eigene Arten. Die Beschreibung
einer neuen Art erfolgt anhand eines Typusexemplars, in der Regel einem
Schädel oder Fell.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeitete Paul Matschie am Berliner Museum
für Naturkunde und beschrieb mehr Gorilla-Arten als irgendjemand
sonst (Groves 2001). Besonders viele Schädel erhielt er aus den damaligen
deutschen Kolonien, vor allem Kamerun. Die meisten Gorillaschädel,
die ihm zur Beschreibung neuer Arten dienten, sind noch in Berlin und
wurden kürzlich von Hendrik Turni fotografiert.
Oft wussten die Taxonomen nicht, wo die Tiere herkamen, oder hatten keine
Vorstellung, wo die Fundorte lagen. Solche ungenaue Beschreibungen würden
heute nicht mehr anerkannt. Wir haben hier zusammengestellt, wo die Typusexemplare
herkommen und wie es heute in den betreffenden Gebieten mit den Gorillas
steht.

Gorilla gorilla gorilla - Westlicher Flachlandgorilla
Troglodytes gorilla Savage, 1847. Thomas Savage beschrieb den ersten
Gorilla anhand von Schädel und Skelett eines Tieres (heute im Zoologischen
Museum in Harvard), dessen Ursprung mit "Mpongwe, Gabun-Mündung"
angegeben wurde (etwa 0° 4' Nord, 9° 39' Ost). Die Mpongwe sind
kein Ort, sondern ein Volk.
Heute befindet sich in der Region, aus der dieser Gorilla stammte, der
Pongara-Nationalpark, in dem es allerdings keine Gorilla gibt. Weiter
südlich, im Wonga-Wongué-Reservat, wurden allerdings bei einer
Bestandsaufnahme Anfang der 90er-Jahre Gorillas gefunden (Blom et al.
1992).
Mehrere Wissenschaftler gaben dieser frischbeschriebenen Art daraufhin
andere Namen - Troglodytes savagei Owen, 1848 und Satyrus adrotes
Mayer, 1856 - und auch die folgende "neue Art" bedeutet wahrscheinlich
nur ein Synonym für Troglodytes gorilla. Mitte des 19. Jahrhunderts
war es nicht ungewöhnlich, dass Wissenschaftler bereits bechriebene
Arten einfach nach eigenem Geschmack umbenannten.
Gorilla Gina Geoffroy Saint-Hilaire, 1853. Isidore Geoffroy Saint-Hilaire
war überzeugt, dass der Gorilla einen eigenen Gattungsnamen erhalten
müsste (Troglodytes hieß damals der Schimpanse), und
nannte diese Gattung Gorilla. Als Artnamen wählte er "Gina",
weil der Gorilla in Gabun so ganannt wurde.
Gorilla castaneiceps Slack, 1862. Diese Artbeschreibung ist besonders
knapp - sie besteht nur aus dem Satz: "Dr. Slack machte die Mitglieder
auf einen eingefärbten Abguss des Kopfes eines Gorillas aufmerksam,
den er als neue Art mit dem Namen Gorilla castaneiceps bezeichnete."
Woher das Tier stammte, teilte er nicht mit. Das einzige Merkmal, das
Dr. Slack zur Beschreibung einer neuen Art veranlasste, war die rötliche
Färbung der Kopfhaare. Schon bald wurde allerdings deutlich, dass
die Fellfärbung stark variiert und nicht zur Unterscheidung von Populationen
geeignet ist (Rothschild 1905). Als C. P. Groves den Abguss 1965 untersuchte,
war er völlig schwarz eingefärbt worden!
Gorilla mayêma Alix and Bouvier, 1877. Diese Beschreibung
beruht auf dem mittlerweile verschwundenen Skelett und dem Fell eines
jungen weiblichen Gorilla. Es war ursprünglich im Muséum d'Histoire
Naturelle in Paris, war aber 1920 bereits verschwunden; 1964 fand C. P.
Groves einen Schädel, vermutlich das Typusexemplar, mit der Nr. 9772
in der alten Sammlung des Laboratoire d'Anatomie Comparée. Der
Schädel ist der kleinste, den er von einem erwachsenen Gorilla vermessen
hat. Aus diesem Grund sah sich D. G. Elliot 1912 veranlasst, eine neue
Gattung einzuführen. Die Art nannte er Pseudogorilla mayema
(s. u.).
Nach der Beschreibung des Typusexemplars kommt dieses Tier aus "Kongo,
Landana, am Ufer des Quilo, 4°35' S, nahe dem Dorf des Königs
Mayêma". Verwirrend ist allerdings, dass Landana nicht im Kongo
und nicht in der Nähe des Flusses Kouillou liegt, sondern in Cabinda.
Lucien Famelart (1883) berichtete einige Jahre spatter, dass das Tier
tatsächlich aus Conde bei Landana gekommen war und Matschie (1904)
schrieb, dass es aus dem Mayombe-Gebiet stammte. Heute gibt es mehrere
Orte mit dem Namen Conde in Cabinda; sie sind nicht sehr weit vom Mayombe-Gebiet
entfernt.
Vor einigen Jahren durchsuchte Tamar Ron den Mayombe-Wald in Cabinda nach
Gorillaspuren und wurde tatsächlich fündig (hier
ihr Beitrag). Es gibt also noch Gorillas in dem Gebiet, aus dem dieses
Typusexemplar kommt.
Gorilla gigas Haeckel, 1903. In seinem Werk Anthropogenie beschrieb
Ernst Haeckel einen Gorilla, der von H. Paschen in "Yaunde, im Hinterlande
von Kamerun" geschossen wurde. Es ist nicht sicher, ob das Tier wirklich
aus Yaounde stammt; heute jedenfalls ist der Wald in der Umgebung dieser
Großstadt längst verschwunden (Eerens et al.).
Gorilla gorilla matschiei Rothschild, 1905 ist ebenfalls ein
Synonym, diesmal für Gorilla gigas. Lord Walter Rothschild
schuf diese neue Unterart, um hier alle Gorillas aus Südkamerun zusammenzufassen
(von ihnen war damals nur Gorilla gigas wissenschaftlich beschrieben
worden und Rothschild bezog sich auf das gleiche Tier wie Haeckel) und
sie damit von den gabunesischen Gorillas zu unterscheiden - die die typischen
Gorilla gorilla darstellten.
Gorilla jacobi Matschie, 1905. Das Typusexemplar befindet sich
noch in Berlin (Matschies Nr. 28051, jetzt 83558); es handelt ich um den
größten Gorillaschädel, den C. P. Groves untersucht hat.
Er wurde von Leutnant Jacob "auf der Station Lobo-Mündung, die
nicht weit von den Zuflüssen des Njong gelegen ist, aber schon im
Flußgebiet des Dscha" gefunden. Wo diese Station genau lag,
konnten wir nicht genau herausfinden.
In dieser Region wurde in letzter Zeit keine Studie gemacht; das Dja-Reservat,
das nicht allzu weit entfernt ist, beherbergt aber eine große Zahl
von Gorillas und ist ein wichtiges Gorilla-Schutzgebiet (Williamson &
Usongo 1996).
Gorilla gorilla schwarzi Fritze, 1912. Das Typusexemplar, ein
erwachsenes männliches Tier, befand sich früher im Karlsruher
Naturkundemuseum, wurde aber im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nach
der Beschreibung stammt es von "Sogemafarm am Djahfluss, Südkamerun".
Tatsächlich handelt es sich um Sugemafam (etwa 2° 25' Nord, 12°
50' Ost; Andrees Handatlas 1912). Ob in der Umgebung dieses Orts noch
Gorillas leben, ist uns nicht bekannt, aber im nahen Mengamé-Reservat
wurde 2002 eine hohe Gorilla-Populationsdichte festgestellt (Ellis 2003).
Sugemafam liegt nahe der Grenze zu Gabun, wo die Zahl der Gorillas im
Minkebe-Wald vor wenigen Jahren um 90% abgenommen hat - vor allem durch
Ebola (Huijbregts et al. 2003; Walsh 2003).
Ob die Gorillas auf der kamerunischen Seite der Grenze auch betroffen
waren, ist uns nicht bekannt.
Gorilla hansmeyeri Matschie, 1914. Das Typusexemplar, ein erwachsenes
männliches Tier, hat die Nr. 17960 des Berliner Naturkundemuseums,
ist dort aber nicht mehr aufzufinden. Es stammt von der "Straße
von Assobam zwischen Mensima und Bimba südlich des Dumeflusses westlich
von Mokbe" in Kamerun (ca. 4° 4' Nord, 14° Ost; Andrees Handatlas
1912). Ob dort noch Gorillas leben, wurde nicht untersucht. Das nächste
Gebiet außerhalb des Dja-Reservats, wo Gorillas kürzlich in
hoher Populationsdichte nachgewiesen wurden, ist das Ntonga-Forschungsgebiet
südlich von Abong Mbang (Dupain et al. 2004).
Gorilla zenkeri Matschie, 1914. Auch dieses Typusexemplar, ein
junges männliches Tier, befindet sich in Berlin (Nr. 30260/30261).
Es wurde gesammelt in "Mbiawe am Lokundje, 6 Stunden flußabwärts
von Bipindi am weißen Berge". Dieses Gebiet (ca. 3° 11'
Nord, 10° 21' Ost) liegt heute zwischen dem Campo-Ma'an-Reservat und
dem Douala-Edéa-Reservat. In Campo-Ma'an gibt es Gorillas, aber
nicht in Douala-Edéa.
Gorilla gorilla halli Rothschild, 1927. Das Typusexemplar befindet
sich im British Museum in London. Es kommt aus "Punta Mbouda, Spanish
Guinea", korrekt: Punta Mbonda im Norden von Äquatorial-Guinea
(2° 6' Nord, 9° 46' Ost). Die letzte Gorilla-Bestandsaufnahme
in diesem kleinen Land führte 1990 Pedro Gonzalez-Kirchner (1997)
durch. Er fand eine besonders hohe Gorilla-Dichte am Fluss Ntem (auch
Campo), nicht weit von Punta Mbonda. Die Bedrohung durch Jagd ist allerdings
sehr hoch. Ein Teil des Gebiets, in dem 1990 Gorillas gefunden wurden,
liegt im Río-Campo-Reservat; man kann nur hoffen, dass sie dort
geschützt sind.
Gorilla uellensis Schouteden, 1927. Diese Gorilla-Art wurde anhand
von einigen Exemplaren im Kongo-Museum von Tervuren, Belgien, beschrieben.
Sie sollen von "nahe Djabbir (= Bondo)" und "Mobele, Itimbiri"
kommen. H. Schouteden (1930) schreibt für den zweiten Ort "Mobili,
Itimbiri (Mbili)". Wir konnten allerdings weder "Mobele",
noch "Mobili" oder "Mbili" in alten Karten finden.
Möglicherweise ist damit tatsächlich die Stadt Bili gemeint
- sie liegt allerdings weit vom Fluss Itimbiri entfernt.
Da dieses Gebiet zwischen der Verbreitung der Westlichen und Östlichen
Gorillas liegt und nie mehr irgendwelche Hinweise auf Gorillas aus dieser
Region bekannt wurden, haben Experten von Anfang an bezweifelt, ob dieser
Fundort korrekt ist. Auch im Jahr 2002 fand eine Expertengruppe keine
Gorillaspuren im Gebiet um Bili. Die Suche geht allerdings noch weiter.
Gorilla (Pseudogorilla) ellioti Frechkop, 1943 (Pseudogorilla
mayema Elliot). Die Typusexemplare befinden ich im Senckenberg-Museum,
Frankfurt/M. D. G. Elliott führte für besonders kleine Gorillas
die Gattung "Pseudogorilla" ein, aber heute wissen wir,
dass es den angeblichen "Zwerggorilla" nicht gibt (Groves 1985).
Dieses Tier kommt aus "Gabun: Delta des Rembo Nkomi, südlich
von Fernan Vaz" (Fernan Vaz oder Omboué liegt 1° 34' Süd,
9° 15' Ost). 1995 wurden südlich davon, bei einer Studie im Petit-Loango-Reservat
(Loango-Nationalpark; Furuichi et al. 1997) Gorillas gefunden. Die Populationsdichte
war gering, vermutlich wegen der ungünstigen Vegetation.
nach einer Vorlage von R. Bergl
Gorilla gorilla diehli, Cross-River-Gorilla
Gorilla diehli Matschie, 1904. Das Typusexemplar, ein erwachsenes
männliches Tier, ist in Berlin und stammt von "Dakbe, Kamerun"
- Takpe (oder Nfakwe) am Südrand des Takamanda-Reservats bei 6°
2' Nord, 9° 25' Ost. Jacqueline Sunderland-Groves und John Oates (2003)
bestätigten, dass ganz in der Nähe dieses Orts noch Gorillas
leben.

Gorilla beringei beringei, Berggorilla
Gorilla beringei Matschie, 1903. Diese Gorilla-Art, die Matschie
als erste beschrieb, wird heute als einzige echte Art anerkannt. Das Typusexemplar
(Nr. 13254), das sich in Berlin befindet, war ein Schwarzrückenmann
und wurde von Hauptmann Robert von Beringe am "Kirunga ya Sabinyo,
3000 m hoch" (bei ca. 1° 26' Süd, 29° 37' Ost) geschossen.
Bei der jüngsten Gorilla-Bestandsaufnahme 2003 stellte sich heraus,
dass die Zahl der Tiere weiter zugenommen hat. Auch am Sabinyo leben mehrere
Gruppen.
Gorilla beringei mikenensis Lönnberg, 1917. Das Typusexemplar
von einem erwachsenen männlichen Tier, das sich im Stockholmer Svenska
Naturhistoriska Riksmuseet befindet (Nr. 5/37), stammt aus dem Bambuswald
des Mikeno - vermutlich vom Westhang. Auf dieser Seite wuchs jedenfalls
in den 50er-Jahren Bambus, als George Schaller dort arbeitete, und auch
heute gibt es dort noch (kleinere) Bambuswälder.
nach einer Vorlage von WCS
Gorilla beringei graueri Grauer-Gorilla oder Östlicher
Flachlandgorilla
Gorilla graueri Matschie, 1914. Auch dieses Typusexemplar,
ein erwachsener Mann, ist noch in Berlin (Nr. 31618/31619); es stammt
von "80 km nordwestlich von Boko am Westufer des Tanganjika"
(Boko liegt bei 5° 5' S, 29° 4' Ost). In Andrees Handatlas von
1912 ist nur ein Ort namens "Boko" am Westufer des Sees eingezeichnet,
und 80 km nordwestlich davon liegen die südlichsten Ausläufer
des Itombwe-Massivs. Ob dort noch Gorillas leben, wurde nicht untersucht;
nur weiter nördlich (mehr dazu hier). Doumenge (1998) fand keinen
Primärwald in dem Gebiet, aus dem nach Matschie das Typusexemplar
stammt. Nach Eerens et al. gibt es zwar noch etwas Wald in der Gegend,
aber von Gorillavorkommen ist nichts bekannt. Auch Schaller (1963) fand
dort keine Gorillas.
nach Informationen von P. Kakule
Gorilla gorilla rex-pygmaeorum Schwarz, 1927. Das Typusexemplar
ist ein junges männliches Tier, heute in Tervuren (Nr. 8187), und
kommt von "Luofu, westlich des Albert-Sees" (0° 37' Süd,
29° 7' Ost). In der Umgebung von Luofu gibt es heute keine Wälder
mehr und damit auch keine Gorillas (Eerens et al.). George Schaller (1963)
zeichnete in seiner Karte aus den 50er-Jahren dort zwar Wald ein, aber
Gorillas kamen auch damals nur weiter im Norden vor.
Die heutige Gattung Gorilla führte Isidore Geoffroy Saint-Hilaire
1852 ein; der erste, der den Namen Gorilla gorilla verwendete,
war H. O. Forbes 1895. Eine Unterscheidung in Westliche und Östliche
Gorillas nahm Harold Coolidge 1929 vor: "Gorilla gorilla gorilla
von der Küste und Gorilla gorilla beringei in den Bergen des
östlichen Kongo". Heute betrachten die meisten Experten diese
beiden Formen als eigene Arten mit jeweils 2 Unterarten.
Obwohl die Wälder in einem Teil des ursprünglichen Gorilla-Verbreitungsbegiets
inzwischen verschwunden sind, gibt es Gorillas erfreulicherweise noch
in den meisten Regionen, aus denen die Exemplare der frühen Taxonomen
stammten. Sogar in Gebieten Kameruns, in denen sie früher nicht vermutet
wurden, haben neue Studien noch Gorillapopulationen nachgewiesen. Überall
sind sie jedoch in ihrem Bestand bedroht, und auf die Dauer können
sie nur mit effizienten Schutzmaßnahmen überleben.
Angela Meder und Colin P. Groves
Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen, die uns bei der Materialsammlung
geholfen haben: Tom Butynski, Fritz Dieterlen, John Hart, Pierre Kakule
Vwirasihikya, Innocent Liengola, Leonard Mubalama, John Oates, Sabine
Petri, Tamar Ron, Hendrik Turni, Caroline Tutin
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Dr. Angela Meder beobachtete viele Jahre
Gorillas in Zoos. Heute arbeitet sie als Sachbuch-Lektorin und für
die Berggorilla & Regenwald Direkthilfe.
Prof. Colin P. Groves promovierte über
Osteologie und Taxonomie von Gorillas. Heute lehrt er Primatologie und
Evolution des Menschen an der Australian National University in Canberra.
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