Gorilla-Journal 29, Dezember 2004
Zoonosen zwischen Gorilla und Mensch
Krankheiten, die natürlicherweise zwischen Wirbeltieren und Menschen
übertragen werden, definiert die Weltgesundheitsorganisation als
Zoonosen. Diese Übertragung kann direkt oder indirekt stattfinden.
Ersteres erfolgt durch unmittelbaren Kontakt, letzteres mittelbar entweder
durch unbelebte Gegenstände wie Nahrungsmittel, Bodengrund, Blätter,
oder durch Organismen, z. B. Zecken und Moskitos, aber auch verschiedene
Nagetiere. Zoonosen können durch Erreger wie Viren, Bakterien, Pilze,
Parasiten sowie vermutlich auch durch Prionen verursacht werden.
Weshalb Gedanken zu diesem Thema?
Infektionskrankheiten sind eine erhebliche Bedrohung für Wildtiere
dezimierter sowie künstlich manipulierter Populationen, Lebensräume
oder Verbreitungsgebiete. Die Gefährdung vom Aussterben bedrohter
Populationen oder Arten durch ansteckende Krankheiten ist bisher häufig
unterschätzt worden. Heute ist das Wissen um diese bedeutende Rolle
von Infektionskrankheiten für den Artenschutz von essentieller Wichtigkeit.
Dieser Beitrag soll kurz in die Problematik der zoonotischen Infektionskrankheiten
zwischen Gorilla und Mensch einführen. Natürlich kann und soll
nicht jede der ca. 150 Krankheiten genannt werden, die theoretisch zwischen
nicht-humanen Primaten, zu denen auch der Gorilla zählt, und dem
Menschen übertragbar sind. Hier soll primär die reale Bedrohung
wildlebender Gorillas durch Zoonosen betont und Schritte zu ihrem Schutz
vor diesen genannt werden. Wie das Ganze in zoologischen Einrichtungen
aussieht, wo Gorillas selbstverständlich auch durch Zoonoseerreger
infiziert werden können, und wie man sie dort vor Ansteckungen schützen
kann, wird stichwortartig umrissen. Es soll hier nicht außer Acht
gelassen werden, dass sich andererseits natürlich auch der Mensch,
in der Wildnis sowie im Zoo, mit Infektionserregern des Gorillas anstecken
und durch diese erkranken kann.
Infektionskrankheiten: eine wirkliche Gefahr für dezimierte,
kleine Populationen
Seit einigen Jahren spricht man in der Wissenschaft von pathogen pollution
(Umweltverschmutzung durch krankmachende Erreger). Obwohl viele Infektionserreger
artspezifisch sind, übertreten eine Anzahl infektiöser Organismen
die Artenbarriere und können bei einem neuen Wirt zu schwereren Krankheitsverläufen
führen. Durch das Vordringen des Menschen in Wildgebiete können
neue Infektionskrankheiten auftreten, die von Tieren auf den Menschen
und umgekehrt übertragen werden. Träger dieser Keime müssen
nicht immer selbst sichtbar oder offensichtlich krank sein. Pathogen pollution
ist ein globales Problem, das alle Wildtiere und auch alle Menschen bedroht.
Eine Vielzahl an Wildtieren ist weiter an den Rand des Aussterbens gedrängt
worden, weil sie neuen Krankheiten, den emerging diseases, oder aber insbesondere
menschlichen Krankheitskeimen ausgesetzt waren.
Habitatzerstörung sowie chemische Verschmutzung wurden historisch
als die Hauptbedrohungen der Artenvielfalt betrachtet. Tatsächlich
ist heute diese pathogen pollution zwischen Mensch und Tier die größte
Gefahr für vom Aussterben bedrohte Tierarten und damit auch für
die Biodiversität unseres Planeten. Werden Mitglieder einer dezimierten
Population, die immunologisch naiv für einen Krankheitskeim ist,
von einem solchen fremden Keim infiziert, dann kann diese Population in
ihrem Bestand derart abnehmen, dass diese ausstirbt, ja sogar die ganze
Unterart oder Art. Insbesondere Infektionserreger des Menschen können
für seltene Tierarten, in erster Linie Primaten, tödlich sein.
Dies kann fatale Folgen nicht nur für ein betroffenes Einzelindividuum,
sondern für die gesamte Art haben. Infektionserreger stellen also
eine große Gefahr für kleine vom Aussterben bedrohte Populationen
dar.
Zoonosen zwischen Menschen und Gorillas
Aufgrund enger genetischer Verwandtschaft von Mensch und Gorilla sind
Gorillas, wie alle Menschenaffen, empfänglich für Infektionskrankheiten
des Menschen und vice versa. Da das Immunsystem von Gorillas naiv gegenüber
menschlichen Infektionserregern ist, verursachen diese für das Immunsystem
des Gorillas fremden Keime bei diesen meist gravierendere Krankheitsbilder
als beim Menschen.
Die meisten Kenntnisse über Zoonosen zwischen Menschen und Gorillas
stammen aus zoologischen Einrichtungen. Gorillas können an Viruskrankheiten
wie z. B. den viralen Kinderkrankheiten des Menschen erkranken. Im Allgemeinen
sind Gorillas und Menschen für eine Vielzahl bakterieller Infektionen
empfänglich und eigentlich kann bei diesen vom Risiko der wechselseitigen
Übertragbarkeit ausgegangen werden. Parasitäre Krankheiten mit
zoonotischer Bedeutung verursachen Einzeller (z. B. Amöbenruhr),
Würmer (z. B. Strongyloidose) sowie Arthropoden (z. B. Krätze).
Pilze scheinen als Zoonose-Erreger im Vergleich zu den anderen Infektionskeimen
eine untergeordnete Rolle zu spielen. Sowohl Gorilla als auch Mensch können
symptomlose Träger für bestimmte Krankheitserreger sein. Solche
Individuen werden dann zur oftmals unerkannten Infektionsquelle für
andere (z. B. Mensch mit Herpes-simplex-Virus, Gorilla mit Zwergfadenwürmern).
Wildlebende Gorillas: Gefahren und Schutz vor Zoonosen
Für den Gorilla besteht neben den beiden bedeutsamen Gefährdungen
Verlust des Lebensraumes und Bedrohung durch Jagd also eine weitere Gefahr:
das Ansteckungsrisiko durch krankmachende menschliche Infektionserreger.
Diese geht nicht nur von Touristen, Wildhütern, Tierärzten und
Wissenschaftlern, sondern auch von der lokalen Bevölkerung aus.
Während einer Epidemie mit schweren respiratorischen Symptomen bei
wildlebenden Berggorillas, bei denen es einige Todesfälle gab, konnten
u. a. Antikörper gegen das Masernvirus festgestellt werden. Auf diesen
Masernverdacht wurde mit Impfungen von Berggorillas reagiert. Die Impfung
wildlebender Tiere ist ein bei Wildtierärzten sehr umstrittener,
viel diskutierter Eingriff. Krätze und Frambösie sind weitere
in der Literatur beschriebene zoonotische Fälle wildlebender Gorillas
mit schwerem klinischem Bild.
Wildlebende Gorillas müssen unbedingt vor potentiellen Zoonoseerregern
geschützt werden. Wenn man sich die geringe Individuenzahl der Bwindi-Gorillas,
Berggorillas und Cross-River-Gorillas vor Augen führt, sind diese
sicher eher gefährdet als die Unterarten Westlicher und Östlicher
Flachlandgorilla mit größerer Individuenzahl. Aber auch kleine
Populationen letztgenannter Unterarten sind durch ihrem Immunsystem fremde
Krankheitskeime bedroht.
Zum Schutz wildlebender Gorillas bestehen heute bestimmte Regeln für
Touristen, die habituierte Gorillagruppen besuchen (nur Gesunde dürfen
mit, maximale Teilnehmerzahl, ein Besuch pro Gorillagruppe pro Tag, Mindestabstand,
Mindestalter, Eingraben des Stuhls). Aber merke: man muss als Tourist
nicht gleich an Tuberkulose erkrankt sein - auch eine Erkältung kann
schwerwiegende Folgen für die Gorillas haben. Ein weitgereister Tourist
kann sich in der Inkubationsphase einer Erkältung befinden und schon
Erreger ausscheiden. Auch Wissenschaftler, Tierärzte und Wildhüter
müssen sich an Regeln der Infektionsprophylaxe im Umgang mit Gorillas
halten. Natürlich gibt es für einige Zoonosen gute Vorbeugungsmaßnahmen,
z. B. durch Impfungen, Entwurmungen und die Bekämpfung von Hautparasiten.
Es besteht die moralische Verpflichtung, Menschen in Entwicklungsländern
die Vorteile moderner Gesundheitsfürsorge zu bieten: kostenfreie
Untersuchungen und, falls nötig, Therapien der lokalen Bevölkerung
wären auch ein Schritte im Gorillaschutz.
Wie ist das eigentlich im Zoo?
Die heute in den Zoos lebende, als selbsterhaltend betrachtete Gorilla-Zoopopulation
ist in ihrem Bestand keinesfalls durch letale Infektionskrankheiten gefährdet.
Bei den seltenen Fällen schwerer Infektionskrankheiten handelt es
sich um Einzelfälle, die nicht die Population gefährden. Regelmäßig
werden Gorillas im Zoo, insbesondere im Frühjahr und Herbst, mit
Erkältungen, grippalen Infekten und Bronchitis durch ihre Pfleger
angesteckt.
Heute wird der Gorilla vor dem Kontakt mit dem Besucher und somit vor
seinen Keimen durch Glasscheiben oder aber breite Gräben geschützt.
Dies war nicht immer so: Vor Einführung dieser Schutzmaßnahmen
war insbesondere die Tuberkulose in Primatenhaltungen gefürchtet.
Besucher dürfen heute meist gar nicht oder aber nur in Ausnahmefällen
hinter die Kulissen. Niemals dürfen Kinder hinter die Kulissen aufgrund
des von ihnen ausgehenden Risikos der Übertragung von Kinderkrankheiten.
Gorillas, aber auch ihre Pfleger und Tierärzte, werden durch Vorschriften
des Rahmenhygieneplans eines jeden Zoos geschützt. Dies sowie die
Regeln guter Tierpflege und guten Managements reduzieren die Ansteckungsgefahr
zwischen Gorilla und Personal. Wichtige Bestandteile davon sind: Hygiene,
Ungezieferkontrolle, regelmäßige Personalgesundheitskontrolle
und -impfungen, Arbeitskleidung, Verbot der Arbeit mit Menschenaffen bei
Atemwegs- und Magendarmtraktsinfektionen sowie Haut- und Mundschleimhautläsionen.
Zum Krankheitspräventionsprogramm gehören ebenso die Quarantäne
(auch als Schutz für die Pfleger), Parasitenkontrolle, Tuberkulose-Test
und Impfungen der Gorillas.
Und der Mensch?
Ein gewisses Risiko für den Menschen, sich durch direkten oder indirekten
Kontakt zu Gorillas mit Infektionserregern anzustecken, besteht immer.
Viele Erreger werden über oro-fäkale Kontamination oder als
Aerosole verbreitet. Zwergfadenwürmer z.B. können auch über
die Haut in den Wirt gelangen. Es ist ratsam, Vorkehrungen zu treffen,
nicht mit Körperflüssigkeiten (z. B. Blut, Kot, Harn, Nasalsekret)
von Gorillas direkt in Berührung zu kommen oder sich z. B. als Tierarzt
mit kontaminierten Nadeln zu verletzen.
Im Zoo besteht heute eigentlich nur noch ein minimales Zoonoserisiko für
das unmittelbar mit den Gorillas arbeitende Personal. Es sind hier nur
Einzelfälle von Zoonosen seitens des Menschen publiziert worden (z.
B. Amöbenruhr, Zwergfadenwurminfektion, mykoplasmäre Arthritis).
Es besteht daher im Zoo kein Grund zur übermäßigen Besorgnis,
wie die Erfahrungen mehr als hundertjähriger Haltung von Gorillas
bezeugen. Dennoch muss jedem, der hier in unmittelbarem Kontakt mit Menschenaffen
arbeitet, bewusst sein, dass ein berufsbedingtes Restrisiko bleiben wird,
da einige Infektionserreger längere Zeit unbemerkt bleiben können.
Aus diesem Grund ist die Einhaltung besonderer hygienischer Normen erforderlich,
um sowohl die im Kontakt mit den Gorillas stehenden Personen als auch
die Gorillas vor Infektionskrankheiten zu schützen.
In der Wildnis besteht eine Ansteckungsgefahr für Touristen, Parkwächter,
Wissenschaftler sowie die lokale Bevölkerung. Nach neueren Veröffentlichungen
sind vereinzelt einheimische Jäger in Zentralafrika durch den Verzehr
von infiziertem Fleisch toter Gorillas mit dem Ebolavirus angesteckt worden
und hieran gestorben. In der Literatur wird die Infektion des Menschen
durch gorillaspezifische Einzeller, nämlich Malariaerreger (Plasmodium
gorillae), in Afrika beschrieben.
Theoretisch könnten sich Menschen beim Gorilla durch gorillaspezifische
Infektionserreger, die erst kürzlich entdeckt wurden, wie das Gorilla-Herpesvirus
oder das Gorilla-Spumavirus, oder durch gorilla-unspezifische Viren, z.
B. das Simian T-lymphotrophic Virus 1 (STLV-1) anstecken. Die Verbreitung
dieser Viren bei Gorillas ist bisher nicht untersucht. Zur Beruhigung
ist zu sagen, dass es bisher keinen bekannten Fall einer Infektion eines
Menschen durch einen Gorilla mit solchen Viren gibt.
Sowohl in der Wildnis als auch im Zoo gilt es also, bestimmten Hygieneregeln
zu folgen. Dies dient einerseits dem Eigenschutz, primär aber dem
Schutz der Gorillas vor dem Menschen und seinen Keimen.
K. Alexandra Dörnath Aguirre Alvarez und Jürg
Völlm
Beispiele für in der Literatur bei Gorillas genannte
Zoonosen
| Zoonose |
Erreger |
Klinische Symptome |
| Herpes simplex |
Herpes-simplex-Virus |
Lippenbläschen, Tod |
| Windpocken |
Varicella-Zoster-Virus |
Hautausschlag, Fieber |
| Grippe |
Influenzaviren |
Fieber, Husten, Schnupfen, Lungenentzündung, Mattigkeit |
| Kinderlähmung |
Poliomyelitis-Virus |
Lähmungen |
| Hepatitis A, B |
Hepatitis-A- und -B-Viren |
Gelbsucht, Fieber |
| Tuberkulose |
Mycobacterium tuberculosis, M. bovis, M. avium |
meistens Atmungsorgane betroffen; häufig subklinisch |
| Salmonellose |
Salmonella spp. |
Durchfall |
| Shigellose |
Shigella spp. |
| Campylobacter-Infektion |
Campylobacter spp. |
| Keuchhusten |
Bordetella pertussis |
Husten |
| Kälberflechte |
Trichophyton spp. |
Kreisrunder Fellausfall, Juckreiz |
| Krätze, Skabies |
Sarcoptes scabiei |
Fellausfall, Juckreiz |
| Protozoosen (Einzeller-Krankheiten) |
Amoeba spp. |
Durchfall |
| Giardia spp. |
| Balantidium coli |
| Helminthosen (Wurmkrankheiten) |
Strongyloides spp. |
| Enterobius vermicularis |
| Trichuris trichuria |
| Oesophagostomum spp. |
| Ascaris lumbricoides |
Zum Weiterlesen
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K. Alexandra Dörnath Aguirre Alvarez arbeitete
als Tierärztin in Schottland, England und Deutschland. Sie war Assistentin
in einem Zoo und assistierte in einer Tierauffangstation in Ecuador sowie
in zahlreichen weiteren Artenschutzprojekten mit Meeresschildkröten,
Swiftfüchsen, Nagelmanatis und Walen in verschiedenen Ländern.
Gegenwärtig schreibt sie eine Doktorarbeit über Gorillas in
europäischen Zoos.
Dr. med. vet. Jürg Völlm arbeitet seit 1976 regelmäßig
als Pikett-Tierarzt im Basler Zoo ("Zolli"). Zu seinen Patienten
zählen seitdem auch die Mitglieder der berühmten Basler Gorillafamilie.
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