Gorilla-Journal 29, Dezember 2004

Die Bushmeat-Krise in Afrika und ihre Bedeutung für die menschliche Gesundheit

Krankheitserreger, die von Tieren stammen und auf den Menschen übertragen wurden, sind für einen großen Teil der katastrophalen Epidemien der Neuzeit verantwortlich. Das bekannteste Beispiel ist Aids, das die Menschheit vor eine der größten Gesundheitsprobleme ihrer Geschichte stellt. UNAIDS veröffentlichte 2003 Zahlen, nach denen bereits 3 Mio. Menschen an Aids gestorben waren. Afrika südlich der Sahara bleibt das Zentrum der Epidemie, und bereits jetzt ist der ökonomische Schaden für die Volkswirtschaften immens.
Aids brach Anfang der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts aus und ist die Folge einer Übertragung des SIV (Simian Immunodeficiency Virus) von Affen auf Menschen, die wahrscheinlich einige Jahrzehnte zuvor stattfand. Man unterscheidet zwei Aids-Varianten, HIV-1 und HIV-2. HIV-1 kann auf SIVcpz der zentralafrikanischen Schimpansen zurückgeführt werden, während HIV-2 seinen Ursprung in SIVsm von westafrikanischen Mangaben hat. Anhand der Ähnlichkeit der Virenstämme scheint es eindeutig zu sein, dass das Virus mindestens sechsmal unabhängig voneinander von Mangaben auf den Menschen übertragen worden ist, aber nur einmal zwischen Schimpansen und Menschen. HIV-2 Infektionen schienen ursprünglich auf Westafrika beschränkt zu bleiben, während sich HIV-1 zu einer globalen Bedrohung entwickelt hat.
Aber nicht nur das HIV stammt von nicht-menschlichen Primaten: So genannte HTLVs (Human-T-lymphotrophic-Viren Typ 1 und 2) haben wahrscheinlich ihren Ursprung im STLV (Simian T-lymphotrophic Virus), und kürzlich wurde von Wolfe und Kollegen berichtet, dass eine weitere Retrovirenart (Viren die RNA als genetischen Informationsträger besitzen), das "Primate Foamy Virus", auf die menschliche Bevölkerung übergesprungen ist. Offensichtlich stammte jede Infektion von einem anderen Virenstamm ab, sodass die Vermutung nahe liegt, dass das Virus von mindestens 3 Affenarten kommt.
Allen drei Viren ist gemeinsam, dass sie in ihren Primärwirten keine pathogene Wirkung entfalten und - im Falle von HTLV und HIV - nur im neuen Wirt zum Teil Krankheitssymptome induzieren - am Beispiel Aids hat der Virus sogar zu einer weltweiten Bedrohung geführt. Bei HTLV ist es etwas anders, die Prävalenz ist im tropischen Afrika am höchsten, aber im Gegensatz zu HIV entwickeln nur einige Träger des Virus ein Krankheitsbild - und dies auch erst nach langer Inkubationszeit. Über das Primate Foamy Virus ist erst sehr wenig bekannt und es gibt noch keine Hinweise auf eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung und eine klinische Bedeutung.
Auch Erreger, die eine akute Erkrankung hervorrufen können, haben eine große Bedeutung, hier ist z. B. das Ebola-Virus und Affenpocken zu nennen, wobei das Ebola-Virus auch für die nicht menschlichen Primaten tödlich ist. Das wahrscheinlich bedrohlichste Beispiel ist der Ausbruch des Virus unter den Gorillas und Schimpansen, der in Gabun und Kongo in den letzten Jahren einem großen Teil der Menschenaffenpopulation das Leben gekostet hat und im Augenblick wahrscheinlich für das drastische Verschwinden der Gorillas im Odzala-Nationalpark verantwortlich ist (Pressemitteilung der Internationalen Primatologischen Gesellschaft).
Der Kontakt mit Blut und Körperflüssigkeit, wie er vor allem bei der Jagd und dem Zerlegen der Tierkörper vorkommt, kann zur Krankheitsübertragung führen und wird als der primäre Mechanismus der HIV-Entstehung angesehen. Auch die Praxis in Afrika, Affen als Haustiere zu halten, erhöht das Risiko einer Infektion. Für mehr als 30 Affenarten ist eine Infektion mit SIV nachgewiesen. Einige SIV-Stämme haben den Sprung von einer Affenart auf eine andere geschafft, sodass die Befürchtung nahe liegt, sie könnten irgendwann auch auf die Menschheit überspringen. Seitdem immer mehr Akteure in den Wildfleischhandel involviert sind, steigt dieses Risiko ständig. Jagd hat es schon immer in Afrika gegeben, aber das Ausmaß war nicht vergleichbar.
Für die Expansion der Jagd und des Bushmeat-Handels gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Zunächst sind die wohlhabenden Schichten in den Großstädten bereit, für Wildfleisch deutlich mehr als für das Fleisch domestizierter Tiere zu zahlen und steigern somit die Nachfrage. Darüber hinaus erleichtern neue Straßen, insbesondere der Holzindustrie, den Zugang zu bislang kaum zugänglichen Regenwaldgebieten. Die Ausstattung mit moderner Waffen macht die Jagd einfacher und erhöht gleichzeitig den Druck auf die Jäger, denn nur bei entsprechender Jagdbeute können Gewehre und Munition refinanziert werden. Und schließlich haben viele Regenwaldgebiete Migranten aus den klimatisch ungünstigeren Gebieten Afrikas aufgenommen, die lokale Jagdtabus nicht beachten. Eine Einschränkung der Jagd ist also nicht nur zum Schutz vieler bedrohter Affenarten unbedingt geboten, sondern reduziert gleichzeitig das Risiko einer Krankheitsübertragung auf den Menschen.

Johannes Refisch

Literatur
Barre-Sinoussi F. et al. (1983) Isolation of a T-lymphotropic retrovirus from a patient at risk for acquired immunodeficiency syndrome (AIDS). Science 220, 868-871
Clavel F. et al. (1986) Molecular cloning and polymorphism of the human immune deficiency virus type 2. Nature 324, 691-695
Leroy, E. M. et al. (2004) Multiple Ebola virus transmission events and rapid decline of central African wildlife. Science 303,:387-390
Peeters M. et al. (2002) A plethora of simian immunodeficiency viruses in primate bushmeat: expanding bushmeat trade may pose new risks to human health. Emerging Infectious Diseases 8, 451-457
Walsh, P. D. et al. (2003) Catastrophic ape decline in western equatorial Africa. Nature. 422, 611-614
Wolfe, N. D. et al. (2004) Naturally acquired simian retrovirus infections in Central African hunters. The Lancet, 363, 932-937

Dr. Johannes Refisch studierte Biologie mit den Schwerpunkten Ökologie und soziale Geographie Afrikas in Bayreuth. Mit Unterstützung des Tropenökologischen Begleitprogrammes der GTZ untersuchteer den Einfluss der Wilderei auf Affen im Tai-Wald, Elfenbeinküste. Seit 1998 ist er als Ko-Direktor des Taï Monkey Project für die ökologie- und naturschutzrelevanten Forschungsprojekte zuständig. Zurzeit arbeitet er im Auftrag des Schweizerischen Tropeninstitutes am Aufbau eines Projektes zu SIV bei Affen.


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