Gorilla-Journal 29, Dezember 2004

Infantizid bei den Gorillas in Kahuzi-Biega

Zum ersten Mal wurden im Kahuzi-Biega-Nationalpark Kindstötungen bei den Grauergorillas beobachtet. Im August 2003 kam es zu einem Kampf zwischen den beiden Silberrückenmännern Chimanuka und Mugaruka. 2 Frauen der Mugaruka-Gruppe wechselten dabei zu Chimanuka. Bei einem zweiten Kampf im Oktober 2003 wechselten 9 Frauen zu ihm, darunter Mwinja, die Mutter des im April in der Mugaruka-Gruppe geborenen Maendeleo. Chimanuka nahm Maendeleo seiner Mutter weg und tötete ihn. Zwei der Frauen, die im Oktober gewechselt hatten, bekamen im November und Dezember 2003 Nachwuchs. Wenige Tage nach der Geburt tötete Chimanuka beide Kinder. Die Mütter und andere Frauen versuchten die Babys zu schützen, aber ohne Erfolg. Im Dezember 2003 gebar eine Frau, die seit 2002 bei Chimanuka war, ein Kind namens Bonane. Chimanuka, wahrscheinlich der Vater dieses Babys, zeigte keinerlei Aggression gegen Bonane.
Bei einer weiteren Auseinandersetzung zwischen Chimanuka und Mugaruka im Januar 2004 wechselte Mugarukas letzte Frau zu Chimanuka, ließ aber ihren 3-jährigen Sohn Chubaka zurück. Hatte Chubaka oder seine Mutter aus den Kindstötungen gelernt und auf die neue Situation reagiert? Durch Kindstötungen verkürzen Gorillamänner die Zeit bis zur erneuten Empfängnisbereitschaft der Mütter; dadurch können sie schneller eigene Nachkommen zeugen.
In Kahuzi-Biega haben Gorillaforscher bis 2003 nie Kindstötungen beobachtet, bei den Virunga-Gorillas sind für diesen Zeitraum 16 Fälle dokumentiert. Sie fanden dort oft nach dem Tod des dominanten Silberrückens statt, verantwortlich waren einzelgängerische Gorillamänner.
Schutz vor Kindstötungen scheinen große Gruppen mit mehreren erwachsenen Männern zu bieten sowie (bei Westlichen Gorillas) verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Leitern benachbarter Gruppen. Der Krieg und die Wilderei im Kahuzi-Biega-Nationalpark könnten solche Strukturen zerstört und das Risiko für Kindstötungen erhöht haben. Wilderer töteten alle dominanten Männer der habituierten Gorillagruppen und junge Silberrückenmänner übernahmen deren Leitung. Sie versuchten nun, rasch eigene Nachkommen zu zeugen. Wir sind gespannt, ob die Gorillas in Kahuzi-Biega Strategien gegen das Risiko von Kindstötungen finden können. Vielleicht wird es zunehmend Gruppen mit mehreren erwachsenen Männern geben.

Juichi Yamagiwa und John Kahekwa

Maendeleo  Fotos: Carlos Schuler
Maendeleo - lebendig und getötet

Prof. Juichi Yamagiwa betreibt seit 1978 Feldarbeit an Östlichen Gorillas, vor allem im Kahuzi-Biega-Nationalpark. 1981-1982 beobachtete er Berggorillas in Karisoke, und 1987-1991 führte er ausgiebige Untersuchungen in Masisi und Itebero durch. Außerdem gründete er ein gemeinsames Forschungsprojekt über Gorillas und Schimpansen mit dem CRSN und dem ICCN in der Region Tshibati (Kahuzi-Biega-Nationalpark).
John Kahekwa arbeitet seit 1983 im Kahuzi-Biega-Park, u. a. bei der Gewöhnung von Gorillas an Touristenbesuche. Er gründete die POLE POLE Foundation für die Menschen im Parkumfeld.

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