Gorilla-Journal 28, Juni 2004
Gorilla-Netzwerke
Während das Sozialverhalten der Berggorillas relativ gut erforscht
ist, wissen wir über die in den dichten Regenwäldern Westafrikas
lebenden Flachlandgorillas recht wenig. Sie gewöhnen sich nur schwer
an die Anwesenheit von Beobachtern und sind außerdem im Wald schlecht
zu lokalisieren. Nach jahrelanger Arbeit ist es trotz alledem in verschiedenen
Ländern Westafrikas gelungen, einige Gruppen von Flachlandgorillas
zu habituieren. An anderen Stellen wiederum erfahren Forscher mehr über
das Verhalten der Tiere, indem sie von einer Plattform am Rand von Waldlichtungen
das Kommen und Gehen und die Interaktionen der Gorillagruppen beobachten.
Dabei stellten die Forscher ein ungewöhnliches Verhalten fest: Das
Zusammentreffen von Gorillagruppen kann einerseits agressiv, andererseits
jedoch relativ friedlich verlaufen. Dieses Verhalten verblüffte die
Wissenschaftler, da bei den meisten Primaten einschließlich den
Berggorillas solche Begegnungen in der Regel feindselig ablaufen. Berggorillamänner
halten ihre Frauen von anderen Männern fern und versuchen durch aggressives
Verhalten zu verhindern, dass sie in benachbarte Gruppen wechseln.
Warum aber verhalten sich die beobachteten Flachlandgorillas bei Begegnungen
mit anderen Gruppen oft so friedlich? Eine mögliche Erklärung
konnten genetische Analysen der Verwandtschaftsbeziehungen liefern: Die
meisten der beobachteten Silberrückenmänner sind mit einem oder
mehreren dominanten Männern der benachbarten Gruppen verwandt. Dieses
Ergebnis führte uns zu der Annahme, dass die Flachlandgorillamänner
soziale Netzwerke bilden, dass diese Bindungen eine wesentliche Komponente
ihrer Sozialstruktur darstellen und derartig friedliche Begegnungen begünstigen.
Diese Hypothese setzt allerdings voraus, dass die Gorillamänner wissen,
mit wem sie verwandt sind.
Vaterschaftstests mittels DNA-Analysen in Gruppen von Flachlandgorillas
haben gezeigt, dass alle Nachkommen einer sozialen Gruppe vom jeweiligen
Silberrückenmann stammen (in Flachlandgorillagruppen lebt üblicherweise
nur ein erwachsener Mann). Junge Männer, die in der gleichen Gruppe
aufwachsen, haben also einen gemeinsamen Vater und festigen beim Heranwachsen
in dieser Gruppe die sozialen Bindungen zu ihren Halbbrüdern und
ihrem Vater. Bei späteren Begegnungen könnten die nun zu Silberrücken
herangewachsenen Männer verwandte Gorillas von nicht-verwandten unterscheiden.
Verschiedene Teams führen derzeit eine Studie an freilebenden Flachlandgorillas
durch, in der sie Beobachtungen der Interaktionen zwischen Gorillagruppen
mit einer genetischen Charakterisierung verbinden. Bestätigen die
laufenden Untersuchungen unsere Hypothese von sozialen Netzwerken bei
Gorillas, so kann dies unser Verständnis von der sozialen Evolution
bei Menschenaffen nachhaltig beeinflussen.
Brenda Bradley, Diane Doran-Sheehy, Linda Vigilant
Dr. Brenda Bradley promovierte an der Stony Brook
University in New York über molekulare Ökologie freilebender
Gorillas und arbeitet nun am Max-Planck-Institut für evolutionäre
Anthropologie in Leipzig.
Prof. Diane Doran-Sheehy arbeitet an der Stony Brook University.
Sie war 19891991 Direktorin von Karisoke und richtete danach das
Mondika-Forschungszentrum zum Studium Westlicher Gorillas ein.
Dr. Linda Vigilant leitet am Max-Planck-Institut für evolutionäre
Anthropologie in Leipzig ein Forschungslabor für genetische Analysen
bei freilebenden Primaten. Dabei geht es vor allem um die Themen Fortpflanzungsstrategien,
Verwandtschaft, Ausbreitung und Populationsgeschichte.
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