Gorilla-Journal 28, Juni 2004

Mit dem Jahr 2004 jährt sich zum zehnten Mal der heute unfassbare Völkermord in Ruanda. Am 7. April 1994 begannen einen Tag nach dem Abschuss des Flugzeugs mit den Präsidenten von Ruanda und Burundi in Ruanda unaussprechliche Gewaltverbrechen. Die tiefen seelischen Verletzungen, die bei den Überlebenden des Genozids geschaffen wurden, kann sich kein Außenstehender vorstellen. Mein Mitgefühl ist bei diesen Menschen, die ihre Eltern, Kinder, Verwandten, Freunde verloren haben.

Der hier jetzt folgende kleine Text bezieht sich auf ganz andere, davon im Grunde sehr ferne Ereignisse, in Uganda.

10 Jahre Gorilla-Tourismus im Mgahinga-Gorilla-Nationalpark

Im Dezember 1989 startete das Gorilla- und Naturschutzprojekt auf der ugandischen Seite der Virungavulkane: Der Biologie und Geschichtswissenschaftler Klaus-Jürgen Sucker begann die Aufbauarbeit mit Unterstützung des Deutschen Tierschutzbundes und der Berggorilla & Regenwald Direkthilfe, später trat ganz wesentlich die Unterstützung durch CIM (Centrum für Internationale Entwicklung) hinzu.
Damals war das Gebiet auf den Nordhängen der drei Vulkane Muhavura, Gahinga und Sabinyo gekennzeichnet durch eine fortschreitende Entwaldung und Umwandlung der ehemaligen Nebelwaldbereiche in Ackerland. Durch den Primärwald zog sich ein enges Netz zahlreicher Schmugglerpfade und auf den Wildtierwechseln waren Hunderte von Drahtschlingen zum Fangen von Antilopen ausgelegt. Auch Holzeinschlag und die Beweidung des Waldes war an der Tagesordnung.
In Kooperation mit der ugandischen Naturschutzinstitution (Uganda National Parks) wurde der Mitarbeiterstab der Wildhüter aufgestockt und die Ausrüstung verbessert. Sehr bald wurden erste Erfolge der Naturschutzarbeit sichtbar: Die Waldbeweidung durch Haustiere, die Wilderei durch Schlingenlegen und der Holzeinschlag gingen durch die gesteigerte Präsenz der Wildhüter zurück, sodass die Populationen der Berggorillas, Diadem-Meerkatzen, Ducker, Buschböcke, Büffel und vieler weiterer Tier- und Pflanzenarten sich wieder erholen konnten.

1990. In sämtlichen Anrainergemeinden des Mgahinga-Waldes wird eine Befragung der Bevölkerung durchgeführt, um die Haltung zu dem geplanten Nationalpark zu ermitteln (Yeoman et al. 1990; CARE/Impenetrable 1990). Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Statusänderung vom Waldreservat bzw. Wildtierschutzreservat zum Nationalpark von der Bevölkerung begrüßt wird, wenn der Nationalpark an der bekannten und sichtbaren Linie der Australischen Silbereichen (Grevillea robusta) entlang der 8000-Fuß-Höhenlinie (etwa 2440 m) endet und im Westen etwas tiefer ausläuft (Nyakagezi-Dreieck). Diese Baumreihe wurde 1944 gepflanzt und in den 90er-Jahren waren noch viele vorhanden waren und die in der Bevölkerung gut bekannt.
Eine weitere Option war zu diesem Zeitpunkt eine noch größere Fläche, nämlich das gesamte Wildtierschutzgebiet "Gorilla Game Reserve" in den zukünftigen Nationalpark mit einzubeziehen. Diese Option wurde in der Folgezeit verworfen.
Die Bevölkerung aus den Dörfern am Rande des Mgahinga-Waldes brachte in der Befragung die Hoffnung zum Ausdruck, dass mit dem Nationalpark auch eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation verbunden sein könnte.

Mai 1991. Parlamentsbeschluss des ugandischen Parlaments: der Mgahinga-Wald und Teile des Gorilla Game Reserve werden zum Nationalpark, dem "Mgahinga Gorilla Nationalpark", erklärt. Der Grenzverlauf folgt überwiegend der 8000-Fuß-Höhenlinie. Die Fläche des Nationalparks umfasst etwa 34 km².

1992. In einer weiteren Studie (Werikhe 1992) wurde nicht nur das Meinungsbild beleuchtet, sondern auch die Flächengröße der bewirtschafteten Äcker und die Zahl der Haustiere dokumentiert. Diese Zahlen dienten in der Folgezeit dazu, die jeweilige Höhe der Kompensationszahlungen zu ermitteln. Dabei wurde unter anderem auch deutlich, dass 70% der Familien, die Felder und Hütten innerhalb des Nationalparks bewirtschafteten, gleichzeitig auch Land außerhalb der zukünftigen Nationalparkfläche besaßen. Keines der Gebäude war als dauerhaftes Gebäude konstruiert.
Im Verlauf des Jahres 1992 verließen alle Siedler die entwaldete Zone des Nationalparks (Zone 2) und stellten die meisten früheren Nutzungen (Kartoffelanbau, Nutztierhaltung etc.) ein (Bachou et al. 1992). Insgesamt wurden 221 Hofstätten an neue Plätze auf öffentlichem Land tiefer im Tal verlegt. Die Siedler erhalten Kompensationszahlungen, deren Höhe von der Größe der ehemals genutzten Fläche und der Zahl ihrer Tiere abhing. Die Vegetationsdecke innerhalb der Zone 2 regenerierte sich und wird besonders seit Anfang 1993 wieder in zunehmendem Maße von Wildtieren des Mgahingawaldes genutzt (Sucker 1993a, 1994).

Im Dezember 1992 fand die letzte Ernte auf Getreidefeldern innerhalb des Nationalparks statt, seit diesem Zeitpunkt wird auf der gesamten geschützten Fläche die freie Sukzession, also die natürliche Wiederbesiedlung mit Pflanzen und Tieren auf der gesamten Fläche der Zone 2 zugelassen. Die Sukzessionzone ist etwa 10 km² groß und erstreckt sich überwiegend auf Höhenlagen zwischen ca. 2400 und 2700 m.

1993. Weiterer Aufbau der Infrastruktur des Nationalparks: Verlagerung des Wildhüterposten an die neue Schutzgebietsgrenze; Markierung der nördlichen Nationalparkgrenze mit 180 Zement-Pyramiden auf der 14 km langen Außenlinie des Parks. Der Grenzverlauf war jetzt durch die etwa 1 m hohen Pyramiden gut sichtbar, doch die direkt angrenzenden Felder waren vor Wildschäden völlig ungeschützt. Daher wurde entlang des Außengrenze des Nationalparks eine Hecke aus Korallenbäumen (Erythrina abyssinica) gepflanzt. In den Bereichen, wo das vulkanische Gestein sehr oberflächennah anstand und eine Bepflanzung unmöglich war, errichtete man anstelle der Hecke eine Natursteinmauer aus Lavagestein. Diese heute recht populäre "buffalo wall" ist in der Folge von anderen Projekten übernommen worden, da sie die Wildschäden auf den Äckern tatsächlich mindert.
Im Zusammenhang mit dem seit Jahren schwelenden Bürgerkrieg in Ruanda dienten auch Teile des Mgahinga-Gorilla-Nationalparks paramilitärischen Einheiten zeitweise als Rückzugsgebiet. Da die Gefahr bestand, dass sie Tretminen ausgebracht hatten, wurden alle Wanderwege durch eine Spezialeinheit der ugandischen Armee mit Minensuchgeräten untersucht und aufgefundene Explosivstoffe mit Dynamit zur Detonation gebracht. Während dieser Arbeiten konnten fünf Gorillagruppen im Park nachgewiesen werden. Doch auch die durch den Bürgerkrieg verursachte Zerstörung von Teilen der afroalpinen Vegetation auf den Gipfeln des Gahinga und des Muhavura wurde sichtbar.
Dennoch wurde am 10. August 1993 der Ökotourismus eingeführt. Dazu gehörten Bergbesteigungen, Höhlenbesichtigungen und Naturpfad-Wanderungen.

15. Januar 1994. Erweiterung des touristischen Angebots: Der Gorillabesuch war nun bei den Mitgliedern der so genannten Nyakagezi-Gruppe möglich. Diese Gorillagruppe wechselte regelmäßig zwischen dem ugandischen und dem kongolesischen Teil des Virungaschutzgebiets hin und her. Während der ersten zwei Monate wurden lediglich zwei Besucher pro Tag zu der Gorilla-Familie geführt, ab März dann vier Personen und ab Mai 1994 konnten maximal sechs zahlende Touristen eine Stunde pro Tag die Berggorillas besuchen. Mit zu den ersten Besuchern zählte auch (Sucker 1993b)

eine Gruppe von Repräsentanten des Kisoro-Bezirkes, die erstmals die berühmten Tiere in ihrer Nachbarschaft beobachten konnten und sichtlich beeindruckt waren.

Die letzte Nutzung des entwaldeten Teilgebietes im Nationalpark lag nun 12 Monate zurück und bereits nach so kurzer Zeit hatten die Gorillas ihren Lebensraum auf etwa 80% dieser Zone ausgedehnt - sie fanden auf den jungen Brachen Futter, in den kleineren Gehölzgruppen Nestbaumaterial und fühlten sich sicher. Von November 1993 bis Mitte Februar 1994 hielt sich eine Gruppe hauptsächlich in dieser für sie neuen Zone auf und "erkundete" offensichtlich das dazugewonnene Terrain.

Die längsten Aufenthaltszeiten wurden hierbei in der relativen Nähe der Wildhüterlager registriert, vor allem an den unteren Hängen des Muhavuravulkans, wo Berggorillas zuvor seit mehr als 20 Jahren nicht mehr registriert worden waren. … Zwei Tage hielt sich diese Gorillagruppe sogar unmittelbar im Tal der neuen Hauptstation des Parks auf, eine Zugangszeit [die Wegstreckenlänge vom Startpunkt der Gorillabesuche bis zur Gorillagruppe selbst. Anm. U. Karlowski] von nur 5 Minuten wurde von den Wildhütern registriert. Anwohner … versammelten sich an der Nationalparkgrenze, um die Gorillas aus einer 'sicheren Entfernung' von ca. 100 m an der Hauptstation sehen zu können. Es blieb letztendlich unklar, welche der Gruppen (Anwohner oder Gorillas) die jeweils andere Gruppe 'interessierter' beobachtete. (Sucker 1993c)

Neben dieser habituierten Gruppe nutzten jetzt auch eine Gorillagruppe mit drei Individuen und ein einzelner Silberrückenmann die neu dazu gewonnene Fläche.
Bereits vor dem offiziellen Start des Gorilla-Tourismus im MGNP wurde ein "revenue sharing system" für die Bevölkerung der Parkrandlage ausgearbeitet. Dieses System sieht vor, dass 20% der Einnahmen aus den Eintrittsgeldern für Projektideen aus der Bevölkerung verwendet werden sollen, zum Beispiel für den Bau neuer Schulen oder Vorratshäuser. Heute ist dieses Konzept ein integraler Bestandteil der Politik der ugandischen Naturschutzbehörde (Uganda Wildlife Authority, UWA) für alle Schutzgebiete in Uganda (Muloba & Nyiramahoro).
Klaus-Jürgen Sucker stirbt am 19. Juni 1994 unter ungeklärten Umständen in Kisoro. Sein tragischer Tod unter mysteriösen Begleitumständen wirft immer noch viele Fragen auf und hinterlässt eine große, nicht zu füllende Lücke.
Ohne den mutigen und engagierten Einsatz aller Menschen, die sich für den Erhalt dieses Teilgebietes der Virunga Region eingesetzt haben, wäre dieser heute auf Satellitenbilder gut sichtbare Gewinn an neuer Wildnis nicht möglich gewesen. Ganz besonders ist es Klaus-Jürgen Sucker zu verdanken, dass die Berggorillas und mit ihnen zahlreiche weitere Tier- und Pflanzenarten nicht nur einen besseren Schutz, sondern auch eine Vergrößerung des Schutzgebietes erleben können.

Ursula Karlowski
 
    
Foto: Ursula Karlowski   Foto: Klaus-Jürgen Sucker

Literatur
Bachou, S. A. et al. (1992): Memorandum of understanding between the representatives of the Ministry of Tourism, The Mgahinga National Park and officials and residents of Kisoro district during a meeting held at Kisoro Pavillon on 6 June 1992.
Care/Impenetrable (1990): Socio-demographic survey of the encroached area of the proposed Mgahinga Gorilla National Park. A report submitted to USAID - Uganda Mission.
Muloba, P. & Nyiramahoro, M. E:. Conflict management and resolution in protected area management: The Uganda case. Dep. Director community conservation, UWA.
Sucker, K.-J. (1993a): Mgahinga Gorilla National Park Project, Uganda: Progress in 1992. Gorilla Conservation News : 22-23.
Sucker, K.-J. (1993b): Bericht Nr. 16 des Mgahinga Gorilla National Park Projekts
Sucker, K.-J. (1993c): Bericht Nr. 17 des Mgahinga Gorilla National Park Projekts
Sucker, K.-J. (1994): Mgahinga Gorilla National Park Project, Uganda: 1993. Gorilla Conservation News : 20.
Werikhe, S. E. W. (1992): Socio-demographic survey of the encroached area (zone 2) of Mgahinga Gorilla National Park in south west Uganda. Report submitted to the United States Agency for International Development (USAID), Uganda Mission. Uganda National Parks.
Yeoman, G. H. et al. (1990): Mgahinga Gorilla National Park. Results of public enquiry and recommendation for establishment.

Dr. Ursula Karlowski befasst sich seit 1988 mit Regenwaldschutz in Ost- und Zentralafrika, vor allem in Südwestuganda. Heute arbeitet sie am Institut für Biodiversitätsforschung der Universität Rostock.

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