Gorilla-Journal 28, Juni 2004
Gorilla-Genetik
Ein Blick auf die geographische Verteilung der Gorillas in Afrika zeigt
eine eindeutige Trennung in west- und ostafrikanische Gorillas. Die Gesamtpopulation
der Westlichen Gorillas wird auf etwa 110 000 Tiere geschätzt
und ist über rund 700 000 km² verbreitet, während
die in wesentlich geringerer Zahl vorkommenden Östlichen Gorillas
in verstreuten, kleineren Populationen leben.
Diese Verteilung wirft verschiedene Fragen auf, z. B. wann sich die Westlichen
und Östlichen Gorillas getrennt haben und inwieweit sich einzelne
Populationen genetisch unterscheiden. Zur Beantwortung solcher Fragen
wurden in der Vergangenheit oftmals Analysen der mitochondrialen DNA (mtDNA)
herangezogen. Das Erbmaterial, die DNA, befindet sich nicht nur in den
Chromosomen des Zellkerns, sondern auch in den Mitochondrien, den so genannten
"Kraftwerken" der Zelle. Diese mitochondriale DNA wird mütterlich
- d. h. über die Eizelle - vererbt und verändert sich schneller
als die DNA im Kern. Daher eignet sich die mtDNA hervorragend als genetischer
Marker, um Evolutionsvorgänge in relativ kurzen Zeitspannen - etwa
die genetischen Beziehungen verschiedener Gorillapopulationen - zu untersuchen.
Ältere Analysen der mtDNA wiesen auf eine Trennung der Populationen
Westlicher und Östlicher Gorillas vor etwa 2,2 Millionen Jahren hin
und ergaben eine 10-mal größere genetische Variation bei den
Westlichen Gorillas als bei deren Verwandten im Osten Afrikas. Da in diesen
Studien hauptsächlich Zoo-Gorillas untersucht wurden, deren genaue
Herkunft man nicht kannte, führten wir unter Verwendung von mtDNA
eine neue Studie zur Untersuchung der genetischen Variation freilebender
Gorillas durch.
Genetisches Material von diesen Tieren erhielten wir aus Haaren oder Kotproben,
die in Schlafnestern gesammelt wurden, nachdem die Gorillas diese verlassen
haben. Im Labor wurden dann mithilfe der Polymerasekettenreaktion (PCR)
unzählige Kopien eines bestimmten Abschnitts - der Kontrollregion
- hergestellt; er weist eine besonders hohe Variabilität innerhalb
der mtDNA auf.
Während der Analysen stießen wir jedoch umgehend auf ein Problem:
Es gibt Fragmente der mtDNA, die in die DNA des Zellkerns eingebaut sind,
ein Phänomen, das bereits bei vielen Arten beobachtet wurde. Diese
eingefügten DNA-Abschnitte werden als "Numts" (nuclear
insertions of mtDNA) bezeichnet. Obwohl Numts im Vergleich zur mtDNA eine
verlangsamte Veränderungsrate haben, können sie immer noch so
viel Ähnlichkeit zu ihrem Original aufweisen, dass sie unwissentlich
in der PCR vervielfältigt werden, in die Analysen einfließen
und diese negativ beeinflussen.
Es wurden bereits verschieden Methoden vorgestellt, mit denen sich die
authentische mtDNA von Numts unterscheiden lässt, doch erwies sich
bisher keine davon als verlässlich für Gorillas. Wir führten
eine Studie durch, in der sich erstaunlicherweise herausstellte, dass
Gorillas im Vergleich zu anderen Menschenaffen nicht nur eine Vielzahl
von Numts besitzen, sondern dass einige davon der echten mtDNA auch sehr
stark ähneln.
Um die Authentizität der Kontrollregion zu garantieren, müssten
wir Blut- oder Gewebeproben benutzen. Leider sehen wir zurzeit keinen
Weg, verlässliche Kontrollregion-Sequenzen aus Kot oder Haarproben
zu gewinnen. Folglich sollten Schlussfolgerungen hinsichtlich der Populationsgeschichte
von Gorillas, die auf Analysen der Kontrollregion beruhen, mit Skepsis
betrachtet werden.
Mithilfe anderer genetischer Marker, z. B. der Kern-DNA, können wir
diese Probleme in der Zukunft umgehen und interessante Einsichten in die
Populationsstruktur und -geschichte von freilebenden Gorillas gewinnen.
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I) Ein mtDNA-Abschnitt wird in die DNA des Zellkerns
eingebaut.
II) Nach der Vervielfältigung des gewünschten mtDNA-Abschnittes
liegen DNA-Fragmente aus den Mitochondrien und dem Zellkern (Numts) vor.
III) Wie hier schematisch in einem Baum dargestellt, können Numts
- durch ihre Ähnlichkeit zur authentischen mtDNA - genetische
Beziehungen von Populationen verfälschen.
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Linda Vigilant, Olaf Thalmann, Brenda Bradley
Dr. Linda Vigilant leitet am Max-Planck-Institut
für evolutionäre Anthropologie in Leipzig ein Forschungslabor
für genetische Analysen bei freilebenden Primaten. Dabei geht es
vor allem um die Themen Fortpflanzungsstrategien, Verwandtschaft, Ausbreitung
und Populationsgeschichte.
Olaf Thalmann ist Doktorand am Max-Planck-Institut in Leipzig.
Er versucht, mittels genetischer Techniken die Populationsstruktur und
die Populationsgeschichte freilebender Gorillas zu klären.
Dr. Brenda Bradley promovierte an der Stony Brook University in
New York über molekulare Ökologie freilebender Gorillas und
arbeitet nun am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
in Leipzig.
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