Gorilla-Journal 25, Dezember 2002

Gorilla-Waisenkind in Ruanda

Am 9. Mai wurden zwei Mütter der Suza-Gruppe - Impanga und Muraha - von Wilderern getötet. Impangas damals 16 Monate altes Kind war verschwunden, aber Murahas Baby Ubuzima klammerte sich noch am Körper seiner Mutter fest. Die Gruppe wirkte sehr aufgeregt. Die Mitglieder hatten sich zerstreut und tolerierten keine Menschen in ihrer Nähe.
Nationalpark-Mitarbeiter und Vertreter von NGOs beschlossen, dass das Waisenkind Ubuzima wieder in die Gruppe integriert werden sollte. Dafür organisierten wir drei Teams: Das erste, von José Kalpers geleitet, verfolgte die Spuren der Suza-Gruppe, das zweite suchte nach Impangas Kind und ich führte die dritte Gruppe an, die sich um Ubuzima kümmern sollte. Wir hielten ständig Funkkontakt mit dem ersten Team, das die Position der Suza-Gruppe angab.
Inzwischen versuchte ich, das Jungtier zu beruhigen und trennte es von seiner Mutter. Das Gorillamädchen war in schlechter körperlicher Verfassung. Es nahm aber Flüssigkeit auf und erhielt ein Beruhigungsmittel. Daraufhin untersuchten wir es eingehend. Nachdem wir sicher waren, dass Ubuzima transportfähig war, setzten wir sie in eine Kiste und deckten eine Plane darüber. Wegen des großen Gefälles war es nicht einfach, das Gorillakind immer in einer angenehmen Position zu halten.
Nach ca. 45 Minuten erreichten wir die Suza-Gruppe. Der Silberrückenmann Munyinya hatte sich ungefähr 150 m von der Gruppe entfernt. Er schlief häufig und mied den Kontakt mit der Familie. Diese schien aufgewühlt und erregt. Vier Mütter, die wir als Pflegemütter in Betracht zogen, konnten Ubuzima nicht adoptieren, da sie alle eigenen Nachwuchs zu betreuen hatten. Als das 13 Monate alte Mädchen aus seiner Kiste entlassen wurde, näherte sich der dominante Silberrücken und der Rest der Gruppe umkreiste es. Der Silberrückenmann inspizierte das Kind und wandte sich ab. Ubuzimas älterer Bruder erkannte seine Schwester und übernahm die Rolle des Versorgers und Beschützers. Wiederholt wurde beobachtet, dass er sie umhertrug. Ubuzima aß das, was er fallen ließ. So stellte sie sich erfolgreich auf Pflanzennahrung um. Sie schlief zwischen ihrem Bruder und dem dominanten Silberrücken. Es gab keinerlei Anzeichen für Aggression. Ubuzima wurde von ihrer Ursprungsgruppe akzeptiert und integriert. Sie verhält sich immer noch normal.

Antoine Mudakikwa

Dr. Antoine Mudakikwa arbeitet seit 1995 am Mountain Gorilla Veterinary Centre in Ruanda. Außerdem bildete er Wildhüter in der Zentralafrikanischen Republik aus und untersuchte den Gesundheitszustand der Gorillas in Bai Hokou.

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