Gorilla-Journal 25, Dezember 2002
Heilsame Pflanzen
Bereits aus den 20er-Jahren gibt es Berichte, dass Primaten sich selbst
mit Medizinalpflanzen behandeln. So erzählte eine alte Frau einer
durch Liberia reisenden englischen Lady, dass sie eine Schimpansin beobachtet
hätte, die ihr Jungtier mit einer Heilpflanze behandelte. Das Tier
zerdrückte dazu ein großes, flaches Blatt zwischen den Händen
und legte es auf die erkrankte Hautpartie des Jungtieres. Die alte Frau
versicherte der Engländerin, sie hätte die Blätter daraufhin
selbst erprobt und sei von deren Heilwirkung überzeugt.
Tatsächlich beobachten einige afrikanische Völker kranke Tiere,
um neue Medizinalpflanzen kennenzulernen. Aus verschiedenen Regionen Afrikas
weiß man, dass Mensch und Menschenaffe die gleichen Heilpflanzen
nutzen. So verwenden etwa die Bonobos der Lilungu-Lokofe Region die fünf
Pflanzen Rauwolfia vomitoria, Manniophyton fulvum, Tabernaemontana
crassa, Scorodophloeus zenkeri, Megaphrynium macrostachyum
und Bellucia oxinanthera. Die lokalen Völker Mbuti und Mongo-Boylea
verarbeiten die gleichen Pflanzen zu Arzneien.
In der Bossou-Region im westafrikanischen Guinea gehört Polycephalium
capitum zur traditionellen Durchfall-Medizin. Die Schimpansen kennen
die Wirkung ebenfalls, denn es finden sich immer wieder unzerkaute Polycephalium-Blätter
in ihrem Kot. Auch in der benachbarten Elfenbeinküste schlucken Schimpansen
ganze Blätter der Heilpflanze. Und selbst im weit entfernten Kahuzi-Biega-Nationalpark
kennen Schimpansen und Gorillas den "Trick" mit dem "Blätterschlucken".
Nur verwenden sie dabei die Pflanze Commelina cecilae. Michael
Huffman von der Universität Kyoto konnte bei 5 verschiedenen Pflanzenarten
nachweisen, dass Schimpansen die "Blätterkur" gezielt gegen
Darmparasiten einsetzen. Wie Sandpapier schmirgeln dabei die unzerkauten
Blätter die Parasiten mechanisch von der Darmwand und transportieren
sie nach außen.
Andere Arzneipflanzen werden aufgrund ihrer Inhaltsstoffe von den Primaten
geschätzt. So zerkauen Schimpansen die Stängel von Vernonia
amygdalina. Die Pflanze enthält Substanzen, die nachweislich
gegen Darmparasiten helfen. Beim Volk der Watongue in den Mahale-Bergen
Tansanias wird Vernonia gleichfalls als Mittel gegen Parasitenbefall und
Darmerkrankungen angewendet.
 |
|
 |
|
Abbildungen aus "Nat. Medizin
in den Tropen", erhältlich bei anamed,
Schafweide 77, 71364 Winnenden |
Ethnomedizin in Mgahinga und Bwindi
Die Speisekarte der Gorillas im Mgahinga Nationalpark setzt sich im Wesentlichen
aus 35 Pflanzenarten zusammen. Einige davon werden von der lokalen Bevölkerung
als Heilpflanzen verwendet. Dazu gehört Dombeya quinqueseta.
Die Rinde hilft gegen Durchfallerkrankungen. Sie enthält eine Mischung
aus verschiedenen Fettsäuren und Sterolen, die ihr eine antimikrobielle
Wirkung verleiht.
Auch im Gebiet des Bwindi-Nationalparks greifen Gorillas und Menschen
auf die gleichen Medizinalpflanzen zurück, wie Jessica Rothman von
der Cornell-Universität bei ethnobotanischen Untersuchungen herausfand.
Die "Naturapotheke" der lokalen Bevölkerung umfasst danach
22 Pflanzen. Einige davon werden auch von den Gorillas genutzt, wobei
sie jeweils die gleichen Pflanzenteile einsetzen wie ihre menschlichen
Nachbarn. In der Volksmedizin wird zum Beispiel das morsche Holz von Rytigynia
kigiensis zu einem Cocktail gegen Würmer oder Darmprobleme verarbeitet.
Die Gorillas fressen bei entsprechenden Beschwerden ebenfalls verrottendes
Holz von Rytigynia oder sie helfen sich mit morschen Stängeln
von Sesbania sesban, Maytenus spp. oder Myrica spp.
gegen Darmparasiten. Pilze und Bakterien, so genannte Saprophyten, verleihen
dem morschen Holz dabei seine medizinische Wirkung. Beim Abbau von Eiweißen
setzen die Mikroorganismen Nitrat frei, das zum Teil in Ammonium umgewandelt
wird. In geringer Dosis eingenommen regt das leicht lösliche Ammonium
das Herz, die Atmung und die Aktivität der Darmwand an.
Gorillas verstehen es sogar, sich das Leben mithilfe von Pflanzen zu erleichtern.
So verbauen die Bwindi-Gorillas regelmäßig einen bestimmten
Farn in ihren Nestern. Den gleichen Farn setzt die lokale Bevölkerung
ein, um Ungeziefer zu vertreiben. Eine ausgeprägte Vorliebe entwickeln
Gorillas für Pflanzen, die Koffein oder Theobromin enthalten. Selbst
große Männer wagen sich in höchste Baumwipfel, um an die
begehrte "Nuss" des Cola-Baumes zu gelangen. Die reifen
Samen enthalten rund 2-2,5 % Koffein und Theobromin. Möglicherweise
hilft das natürliche Aufputschmittel den Primaten, sich besser an
die Bergregion mit ihren steilen Aufstiegen und der sauerstoffarmen Atmosphäre
anzupassen.
Das natürliche, vielseitige Pflanzenangebot ist für die Gesundheit
wildlebender Gorillas von großer Bedeutung. Das unterstreicht eine
nordamerikanische Studie zu den Todesursachen von Gorillas in Zoos. Danach
starben 41 % der weiblichen Tiere über 7 Jahre bzw. der männlichen
über 9 Jahre an Herz-Kreislauf-Problemen.
Don Cousins
Don Cousins interessiert sich schon immer für Menschenaffen.
Er hat in den Zoos von Twycross und Chessington gearbeitet. 1957 besuchte
er Gabun, um dort Gorillas zu sehen. Seither hat er zahlreiche Artikel
und ein Buch über Gorillas veröffentlicht.
Homepage |