Gorilla-Journal 24, Juni 2002
Auf den Spuren des Berggorilla-Entdeckers
Am 17. Oktober 2002 ist es genau 100 Jahre her, dass der deutsche Hauptmann
Robert von Beringe im Gebiet der Virunga-Vulkane auf den Berggorilla stieß.
Er selbst hinterließ nur wenige biographische Spuren, die sein Enkel
Dr. Andreas von Beringe zusammengetragen hat.
Zwei Ereignisse machten in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts die Welt
auf das Schicksal der vom Aussterben bedrohten ostafrikanischen Berggorillas
aufmerksam: Am 26. Dezember 1985 wurde unter bis heute ungeklärten
Umständen die Amerikanerin Dian Fossey ermordet, die fast 20 Jahre
ihres Lebens der Erforschung und dem Schutz der gutmütigen Riesenaffen
gewidmet hatte. Drei Jahre später kam der Film Gorillas im Nebel
ins Kino, der auf ihrem 1983 erschienenen Buch beruht und viele ebenso
begeisterte wie tief berührte Zuschauer fand.
Der Entdecker der Berggorillas, der deutsche Hauptmann Robert von Beringe,
blieb dagegen weithin unbekannt. An ihn erinnert eine Gedenktafel am Eingang
zum Virunga-Schutzgebiet im Dreiländereck von Kongo, Ruanda und Uganda;
fälschlicherweise wird er dort mit dem Vornamen Oscar benannt. Die
Berichte von seinen Expeditionen in der Vulkanregion finden sich nur noch
in wenigen Exemplaren in Museumsarchiven und Fachbibliotheken. Die meisten
persönlichen Dokumente fielen im Zweiten Weltkrieg den Bombenangriffen
auf Dresden zum Opfer.
Friedrich Robert von Beringe wurde am 21. September 1865 in Aschersleben
am Nordostrand des Harzes als ältester Sohn des Rittmeisters Karl
Robert von Beringe und seiner Ehefrau Mathilde Luise geboren. In der Kleinstadt
im heutigen Sachsen-Anhalt, die damals zum Königreich Preußen
gehörte, war der Vater als Eskadronchef des 2. Magdeburgischen Husarenregiments
stationiert. In Aschersleben kam drei Jahre später auch Friedrich
Roberts jüngerer Bruder Gottlieb zur Welt. Eine im Juni 1867 geborene
Schwester war schon im Alter von zwei Monaten verstorben.
Karriere bei der Schutztruppe
Nach väterlichem Vorbild schlug Friedrich Robert von Beringe die
Offizierslaufbahn ein. Von 1894 bis 1906 gehörte er dem Husarenregiment
Nr. 1 (Totenkopfhusaren) an. Von Beringe war aus dieser Zeit stammend
auch Träger des Totenkopfringes und in tiefer Freundschaft mit August
Mackensen, dem späteren Feldmarschall von Mackensen, verbunden. Zur
Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika, das die heutigen
Staaten Tansania, Ruanda und Burundi umfasste, ging er auf eigenen Wunsch.
Dort machte er im September 1898 als Oberleutnant mit einer erfolgreichen
Strafexpedition auf sich aufmerksam, die er von der Station Kilwa am Indischen
Ozean aus gegen die aufständischen Watumbi, ein Gebirgsvolk im Küstenhinterland,
führte. Eine noch bedeutendere militärische Operation, die in
der 1911 erschienenen Geschichte der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika
ausführlich gewürdigt wird, leitete er als Chef des Militärpostens
Usumbura (1902-1904), der heutigen burundischen Hauptstadt Bujumbura.
Von dort aus rückte der inzwischen zum Hauptmann beförderte
von Beringe im Anfang Mai 1903 mit einer Streitmacht von 8 Europäern,
115 Askaris (afrikanischen Soldaten), zwei Maschinengewehren und etwa
300 Hilfskriegern gegen den rebellierenden Herrscher Muezi Kisabo vor,
um "ihn zur Unterwerfung und Anerkennung der deutschen Herrschaft
zu zwingen". Zweimal gelang es Kisabo zu entkommen, bis er sich im
Juli nach hartnäckiger Verfolgung stellte. Damit hatte der Feldzug
sein politisches Ziel erreicht.
Die naturhistorischen Verdienste Beringes sind in der Geschichte der
Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika nicht einmal am Rande
erwähnt. Schließlich handelte es sich um eine eher friedliche
Mission, die ihn auf die Spur der Berggorillas führte.
Am 19. August 1902 brach Hauptmann von Beringe von der Station Usumbura
aus nach Norden auf, um deutsche Außenposten im heutigen Burundi
und Ruanda zu besuchen. Ziel der Expedition war es, Kontakt mit den lokalen
Häuptlingen zu halten, die Beziehungen zu ihnen zu festigen sowie
Macht und Ansehen der deutschen Verwaltung zu stärken. Zu dem kleinen,
mit einem Maschinengewehr ausgerüsteten Trupp gehörten der Militärarzt
Dr. Engeland, der Unteroffizier Ehrhardt, 20 Askaris und die nötigen
Träger.
Begegnung am Vulkangipfel
Von Beringe stattete zunächst dem Sultan Msinga von Ruanda einen
Besuch ab. Dann zog er mit seinen Begleitern weiter nordwärts in
Richtung auf die Vulkankette im heutigen Parc National des Volcans. Dort
angekommen unternahm er vom 16. bis 18. Oktober mit Dr. Engeland, einigen
Askaris und den Trägern für das absolut notwendige Gepäck
den Versuch, erstmals den Kirunga ya Sabyingo (Mount Sabinyo) zu besteigen,
dessen Höhe er auf 3300 m schätzte. Am Abend des ersten Tages
schlugen sie ihr Lager auf einem Bergsattel in etwa 2500 m Höhe auf.
Von Anwohnern, die aus der Ebene hinaufkletterten, erhielten sie "reichlich
Verpflegung", wie von Beringe später im Deutschen Kolonialblatt
berichtete.
Am 17. Oktober 1902 starteten Hauptmann von Beringe und Dr. Engeland zusammen
mit fünf Askaris und den nötigen Trägern zum Gipfelsturm;
dabei führten sie ein Zelt und acht Wasserbehälter mit sich.
Zunächst marschierten sie durch Bambuswald mit dichtem Untergestrüpp.
Obwohl sie möglichst Elefantenpfade benutzten, mussten sie sich immer
wieder mit dem Messer ihren Weg bahnen. "Nach zwei Stunden Marsch
gelangten wir auf Steingeröll mit Brombeersträuchern und Blaubeerpflanzen",
beschreibt von Beringe den weiteren Aufstieg. "Die Vegetation wurde
mit jedem Schritt spärlicher, die Steigung immer größer
und der Weg beschwerlicher, so daß wir die letzten 5/4 Stunden nur
noch über große Steinblöcke klettern mußten. Wir
befanden uns auf einem nach Südwesten ansteigenden Felsgrat, zu beiden
Seiten eine steil abfallende, tiefe Schlucht."
In 3100 m Höhe schlugen die beiden Deutschen, nachdem sie den Boden
mit gesammeltem Moos möglichst eben bedeckt hatten, ihr Zelt auf.
Der Grat war so schmal, dass sie die Zeltpflöcke schon im am Abhang
befestigen mussten. Die Askaris und Träger suchten in Felshöhlen
Schutz, um sich durch Feuer gegen die empfindliche Kälte zu schützen.
Damit war die Szene für die historische Begegnung bereitet, die von
Beringe im Deutschen Kolonialblatt mit folgenden Worten schildert:
"Von unserem Lager aus erblickten wir eine Herde schwarzer, großer
Affen, welche versuchten, den höchsten Gipfel des Vulkans zu erklettern.
Von diesen Affen gelang es uns, zwei große Tiere zur Strecke zu
liefern, welche mit großem Gepolter in eine nach Nordosten sich
öffnende Kraterschlucht abstürzten. Nach fünfstündiger,
anstrengender Arbeit gelang es uns, ein Tier angeseilt heraufzuholen."
Ein Fund, der Rätsel aufgibt
Es handelte sich um einen männlichen, großen, menschenähnlichen
Affen mit einer Körperlänge von 1,5 m und einem Gewicht von
mehr als 200 Pfund. Er hatte keine Brustbehaarung, aber riesige Hände
und Füße. "Es war mir leider nicht möglich, die Gattung
des Affen zu bestimmen", bedauerte der Hauptmann. Denn wegen der
Größe des Tieres konnte es nach seiner Ansicht kein Schimpanse
sein, und das Vorkommen von - aus dem Flachland bekannten - Gorillas im
Gebiet um die ostafrikanischen Seen war bis dahin "nicht festgestellt
worden".
Robert von Beringe beschloss deshalb, seinen Fund zur Untersuchung an
das Zoologische Museum in Berlin zu schicken. Zwar wurden die Haut und
eine Hand des Affen auf der Rückreise nach Usumbura von einer Hyäne
gefressen. Doch anhand des Schädel und eines Teils des Skelettes,
die unversehrt in Berlin ankamen, klassifizierte der am Museum tätige
Professor Paul Matschie (1861-1926) das Tier als neue Gorilla-Art, die
er nach ihrem Entdecker Gorilla beringei nannte.
1906 kehrte Hauptmann von Beringe nach Deutschland zurück. Am 9.
Oktober 1906 heiratete der schlanke, gut aussehende 41-Jährige die
15 Jahre jüngere Kaufmannstochter Johanna Caroline Luise Edith Lademann
aus Steglitz, die er beim Reiten kennengelernt hatte. Die kirchliche Trauung
fand in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche statt. Robert
von Beringe blieb weiter im Militärdienst - bis 1912 im Dragoner-Regiment
von Wedel (Pommersches) Nr. 11, danach im Dragoner-Regiment Prinz Albrecht
von Preußen (Litauisches) Nr. 1. Seit 1908 war er Major und wurde
1913 im gleichen Dienstrang pensioniert. Bis zum Anfang des 2. Weltkrieges
lebte er mit seiner Familie - er hatte einen Sohn und ein Tochter - in
Dresden. Am 5. Juli 1940 starb der seit Jahren schwer an Diabetes Erkrankte
in Stettin, wo die Schwiegereltern seiner Tochter Ursula wohnten.
Andreas von Beringe
Für die Unterstützung bei der Spurensuche
danke ich meiner Mutter Dipl. Ing. Friedel von Beringe, die als Schwiegertochter
Robert von Beringes den "sehr schweigsamen Mann" noch persönlich
kennengelernt hat, meinem Bruder Niklas, dem Direktor des Wehrgeschichtlichen
Museums in Rastatt, Dr. Joachim Niemeyer, sowie Dr. Harald Pieper vom
Zoologischen Museum in Kiel.
Robert von Beringe
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