Gorilla-Journal 19, Dezember 1999

Eigene Gorilla-Unterart in Nigeria?

Neue Untersuchungen sprechen dafür, dass die Gorillas des Cross-River-Nationalparks eine eigene Unterart bilden. Damit wird ein altes Kapitel der Gorilla-Taxonomie neu eröffnet, das sich bis in das Jahr 1904 zurück verfolgen lässt. Damals reiste Paul Matschie vom Zoologischen Museum der Humboldt-Universität Berlin in das damalige Deutsch-Kamerun. Im Grenzgebiet zum britisch regierten Nigeria, im Bereich des heutigen Cross-River-Nationalparks, brachte ihm ein gewisser Herr Diehl, ein Mitarbeiter der deutschen Nordwest-Kamerun-Gesellschaft, mehrere Gorillaschädel. Sie unterschieden sich in mehreren Merkmalen von den Schädeln der Westlichen Flachlandgorillas (Gorilla gorilla). Paul Matschie war sicher, eine neue Gorilla-Art entdeckt zu haben und bezeichnete sie - Herrn Diehl zu Ehren - als Gorilla diehli. Er meinte, dass ein weiblicher Schädel, den er mit den anderen erhalten hatte, den Westlichen Flachlandgorillas zuzuordnen sei. Seiner Ansicht nach lebten also zwei verschiedene Gorillaformen im gleichen Gebiet, was für eine abgeschlossene Artenbildung spricht. Tiere verschiedener Arten bringen keine fruchtbaren Nachfahren hervor und können daher nebeneinander leben, ohne sich zu vermischen. Die Freude über die Entdeckung währte jedoch nicht lange. In Folgeuntersuchungen kamen Rothschild im Jahr 1904 und Elliot im Jahr 1912 zu der Auffassung, dass die Abgrenzung der Cross-River-Gorillas als eigene Art nicht gerechtfertigt sei, und stuften sie als Unterart Gorilla gorilla diehli ein. Dabei überprüften die Autoren weder die von Matschie gesammelten Schädel noch das mögliche Vorkommen von zwei verschiedenen Arten in dem Gebiet. Bei einer Überarbeitung der Gattung Gorilla im Jahr 1929 ordnete Harold Coolidge die Tiere des Cross-River-Gebiets wieder den Westlichen Flachlandgorillas zu. Diese Entscheidung basierte vor allem auf Veröffentlichungen, die davon ausgingen, dass die Verbreitung der Cross-River-Gorillas nahtlos in die der Westlichen Flachlandgorillas übergeht. Die Geschichte nahm 1990 eine Wendung, als sich John Oates mit den Cross-RiverGorillas im Freiland zu befassen begann und Esteban Sarmiento ihre Schädel in Museen untersuchte. John Oates wusste durch seine Arbeiten in Westafrika über die Verbreitung und das Verhalten von Primaten, dass im Cross-River-Gebiet zahlreiche Primatenarten bzw. -unterarten leben, die ausschließlich in diesem Areal vorkommen. Der südlich verlaufende Fluss Sanaga scheint dabei ihre Ausbreitung in die Wälder des westlichen Äquatorialafrika zu begrenzen, sodass sich in dem isolierten Gebiet mindestens 6 Altweltaffenarten entwickeln konnten: Preuss' Roter Stummelaffe, der Drill und 4 Meerkatzenarten bzw. -unterarten. Warum sollte sich der Cross-River-Gorilla in der Isolation nicht auch zu einer eigenen Unterart entwickelt haben? fragte sich John Oates und begann 1990, dies vor Ort zu untersuchen. Er arbeitete mit Esteban Sarmiento zusammen, der sich auf Schädelstudien konzentrierte. Von über 100 in London und Berlin aufbewahrten Cross-River-Gorillaschädeln haben nur die 60 (40 männliche und 20 weibliche) des Zoologischen Museum der Humboldt-Universität den 2. Weltkrieg überstanden. Sie waren bereits von der Säugetierkuratorin Renate Angermann katalogisiert worden. Esteban Sarmiento vermaß dort die gleichen Schädel wie einst Paul Matschie. Zum Vergleich standen ihm 85 Schädel Westlicher Flachlandgorillas zur Verfügung. Die Messungen bestätigten nicht nur die Beobachtungen des Pioniers - Esteban Sarmiento fand darüber hinaus Unterschiede in 3 weiteren Merkmalen. Mit statistischen Analysen lassen sich die beiden Populationen anhand ihrer Schädelmerkmale klar voneinander trennen. Paul Matschie hatte sich jedoch in einem Punkt geirrt: Der Schädel des einzelnen Weibchens, das er als andere Art identifiziert hatte, gehört eindeutig zu den Cross-River-Gorillas. Die These von zwei vergesellschaftet lebenden Gorilla-Arten in diesem Gebiet ist damit widerlegt. Abschließend lässt sich sagen, dass sich die Cross-River-Gorillas deutlich von den rund 250 km südöstlich lebenden Westlichen Flachlandgorillas unterscheiden. Daher plädieren wir für eine Einordnung dieser Population in die Unterart Gorilla gorilla diehli. Zu begründen ist dies mit den morphologischen Unterschieden und der geographischen Isolation.

Esteban E. Sarmiento und John F. Oates

Nigeria-Gorillas: Karte   Karte: Angela Meder
Schutzgebiete im Grenzgebiet von Nigeria und Kamerun(grün)
Gorilla-Gebiete: braune Flächen

Dr. Esteban Sarmiento arbeitet am American Museum of Natural History in New York. Sein Hauptforschungsgebiet ist die Untersuchung der Skelette von Gorillas und anderen Hominoiden.
Prof. John F. Oates
ist Professor für Anthropologie in New York. Seit 1994 befasst er sich mit der Ökologie von Primaten der Tropenwälder.

zur Cross-River-Übersicht

Homepage