Gorilla-Journal 17, Dezember 1998

Die Gorillas des Mikeno in einer unruhigen Zeit -
von November 1996 bis April 1998

Claude Sikubwabo

1997 war ein sehr schwieriges Jahr für die Menschen und die Tierwelt der Virungavulkane. Das Personal der Nationalparks musste unter Bedingungen von Gewalt und Schrecken arbeiten.
Das IGCP (International Gorilla Conservation Programme) initiierte und betreute ein Programm für das Monitoring der Berggorillas und die Ökologie am Mikeno (Virunga-Nationalpark), für das mehrere ICCN-Mitarbeiter ausgebildet wurden. Sie beobachteten, beschrieben und fotografierten jeden Gorilla; die Merkmale wurden in einer Art "Personalausweis" festgehalten. So erhielt jedes Tier (in den habituierten Gruppen) einen Namen. So kann die Geschichte der ex-Ndungutse-Gruppe während des Kriegs und der ganzen Wirren verfolgt werden. Der Silberrückenmann und einige Mitglieder dieser Gruppe, die 1996 25 Tiere umfasste, wurden im Mai 1997 getötet.

Was vorher geschah
Im Gorilla-Journal 13 vom Dezember 1996 über die Gorillas des Mikeno wurden die Gefahren aufgezählt, die das Überleben der Tiere bedrohen: Wilderei, Versuche des Handels mit Jungtieren, Nachlassen der Unterstützung durch Naturschutzorganisationen, mangelnde Zusammenarbeit zwischen ICCN (Institut Congolais pour la Conservation de la Nature) und lokaler Bevölkerung, fehlende Einnahmen aus dem Tourismus, Kriegsgefahr und die Anwesenheit der ruandischen Flüchtlinge.
Im Oktober 1996 brach ein Krieg in der Region aus, und im Gebiet der Gorillas wurden mehrere militärische Operationen durchgeführt, mit denen die ruandischen Dissidenten vertrieben werden sollten. In diesem Gebiet findet man noch immer bewaffnete Gruppen, deshalb ist es weiterhin unsicher.
Die erste habituierte Gorillafamilie in Jomba wurde im Dezember 1996 wiedergefunden. Ab Februar 1997 gab es gemischte Patrouillen von Wildhütern und Militärs, da die neuen Machthaber des Kongo den Naturschutz als sehr wichtig erachteten. Dank dieser Patrouillen wurden alle Gruppen seit Anfang Mai 1997 mindestens einmal im Monat gesichtet - außer der Rafiki-Gruppe, die bisher nicht zurückgekehrt ist. Die Anzahl und Zusammensetzung der habituierten Gorillagruppen blieb ähnlich wie im September 1996; anscheinend hatte der Krieg in dieser Hinsicht keine negativen Folgen.

Kleine Geschichte der ex-Ndungutse-Gruppe
Am 18. Mai 1997 wurde die Gorillagruppe von Militärs beschossen. Der Silberrückenmann Ndungutse wurde getötet, nachdem er einen Soldaten gebissen hatte; dieser eröffnete das Feuer auf die Gruppe und tötete drei weitere Tiere. Diesem Ereignis folgten für die Mitglieder noch einige dramatische Veränderungen. Zunächst verließen sie ihr Streifgebiet für mehrere Monate.
Es gab verschiedene Spekulationen, welche Gorillas bei dem Gefecht getötet worden waren; zunächst dachte man an die ex-Luwawa-Gruppe, und bei der Anzahl der toten Gorillas gingen die Vermutungen von 4 bis mehr als 10 Tiere. Manche äußerten, dass sich die Gruppe aufgeteilt haben könnte oder dass die Mitglieder in andere Gruppen eingegliedert worden sein könnten. Wegen der sehr heftigen militärischen Aktivitäten konnten die Wildhüter nicht weit in den Wald hineingehen.
Im Oktober 1997 wurden erstmals wieder einige Mitglieder der Familie beobachtet, und im November fand man sie in zwei Gruppen, die von Schwarzrückenmännern geleitet wurden. Die erste, geführt von Buhanga, bestand aus 9 Tieren und die zweite, unter der Leitung von Karateka, aus 4 Tieren. Das ergab insgesamt 13 Gorillas von den 25 Gruppenmitgliedern vor dem Krieg.
Die beiden Gruppen zeigten etwa die gleichen Gewohnheiten und durchstreiften das gleiche Gebiet. Sie hatten mehrere schwere Auseinandersetzungen mit Transfers einzelner Mitglieder. Dazu gehörten:

  • Mawazo, weiblich, geboren 1990: Sie war im Oktober 1997 in der Buhanga-Gruppe. Im November 1997 wechselte sie zu Karateka, direkt nach einer Auseinandersetzung. Am 10. Januar 1998, wieder nach einer Auseinandersetzung, folgte sie Buhanga.
  • Mukata, juvenil, wechselte zwischen November 1997 und Februar 1998 von Buhanga zu Karateka, dann wieder zu Buhanga und schließlich zu Karateka.
  • Bukima, juvenil, wechselte im November 1997 und im Februar 1998 von Buhanga zu Karateka.

Am 23. Februar 1998 beendete ein wilder Silberrückenmann namens Munyaga die Existenz der beiden Gruppen. Die Schwarzrückenmänner wurden zu Einzelgängern und sind seither in ihrem ursprünglichen Streifgebiet nicht mehr gesehen worden.
Im Augenblick (16. August 1998) kennen wir 6 Gorillagruppen, die wir regelmäßig besuchen. Die Nyakagezi-Familie wurde unter dem Namen Faida in Kongo habituiert, hält sich aber jetzt nur noch in Uganda auf. Die Rafiki-Gruppe kann man nicht sehen, weil sie in einer sehr unsicheren Zone umherstreift. Zwei wilde Gorillamänner, Mapua und Ruzirabwoba, besuchen regelmäßig das Gebiet von Jomba und suchen Begegnungen miteinander und mit der Lulengo-Familie.
Seit Mai 1998 verzeichneten wir 4 Geburten: 2 bei der Kabirizi-Gruppe im April, 1 bei der Kuritonda-Gruppe im Mai und 1 bei der Humba-Gruppe am 12. Juli. Die Rugendo-Familie spaltete sich in zwei Teile; Rugendo behielt 8 Mitglieder und 8 weitere gesellten sich zu Humba, Rugendos Sohn.

Claude Sikubwabo Kiyengo, Bararuha Ntayomba, Ndakazi Lola Benjamin und Vital Katembo Mushengezi

Die Mikeno-Gorillas

März Juni Juli
Lulengo-Gruppe 11 11 11
Kwitonda-Gruppe 10 11 12 1)
Rugendo-Gruppe 18 18 9
Humba-Gruppe - - 10
Munyaga-Gruppe 12 12 11 2)
Kabirizi-Gruppe 11 14 14
Einzelne Männer 4 4 5 3)
Insgesamt 66 70 72

1) Ein Tier von Nyakagezi; 2) Ein Tier zu Kabirizi; 3) Ein Schwarzrückenmann von Kabirizi

Weitere Entwicklung der Gorillazahlen bis 2002

Claude Sikubwabo Kiyengo studierte Biologie an der Universität Kisangani, Zaire. 1987 begann er als wissenschaftlicher Assistent im Ituri-Projekt von John und Terese Hart. Von 1989-1992 untersuchte er die Verbreitung der Gorillas im Maiko-Nationalpark, und 1994 nahm er an der Gorilla-Bestandsaufnahme im Kahuzi-Biega-Nationalpark teil. Ab 1995 arbeitete er als Forschungs-Attaché für die Nationalparkbehörde IZCN/ICCN (Institut Congolais pour la Conservation de la Nature) in Goma, danach für das Peace Parks Project, ebenfalls in Goma, für die IUCN und heute wieder für das ICCN.

Homepage