PresseGrauergorillas - Seit 20 Jahren im Krieg

Grauergorillas - seit 20 Jahren im Krieg

Alarmierender Anstieg bei Gorillawaisenkindern

Der Osten der Demokratischen Republik Kongo macht wieder Schlagzeilen. Negative. Gerade erst konnte man lesen, dass es der Rebellengruppe M23 gelungen ist, die Millionenstadt Goma zu erobern. Das geht einher mit Übergriffen auf die einheimische Bevölkerung. Aber nicht nur die Menschen leiden unter den seit nunmehr zwei Jahrzehnte dauernden Kämpfen: auch die Natur – und die in ihr lebenden und vom Aussterben bedrohten Grauergorillas.

Erst neulich wurde bekannt, dass im September zwei Gorillababys konfisziert wurden: das etwa neun Monate alte Gorillamädchen Isangi und ein vier Monate altes Gorillamädchen, das den Namen Baraka erhielt. Eines der Babys kam direkt von einer Rebellengruppe.

Zerstörte Familienverbände

Gorillakinder leben in Familienverbänden. Sie verbringen die ersten vier Lebensjahre in Körpernähe ihrer Mutter, sie teilen gemeinsam ein Schlafnest während der Tagesruhephasen und in der Nacht. Bei den täglichen Streifzügen auf der Suche nach Nahrung werden die Säuglinge und Kleinkinder von ihrer Mutter getragen. Dabei klammern sich die ganz Kleinen am Bauchfell der Mutter fest, die größeren reiten auf ihrem Rücken. Wartepausen während der Wanderungen zeigen, dass Gorillafamilien Rücksicht darauf nehmen, dass junge, kranke oder ältere Nachzügler mitkommen. Gorillas sind „hochsoziale Wesen, die denken, Übersicht über ihre Gemeinschaft besitzen, einsichtig und geplant handeln, über ein Selbstbewusstsein verfügen und unter vielem andern auch Schmerz, Trauer und Mitgefühl empfinden und ausdrücken können“, beschreibt der Schweizer Zoologe Jörg Hess das empathische Verhalten dieser Primaten. Eine Störung des engen Mutter-Kind-Verhältnisses ist für die Kleinen traumatisch. Konfiszierte Junggorillas sind oft unterernährt, dehydriert und wirken hochgradig gestresst. Für ihren Fang werden in der Regel mehrere Mitglieder der Gorillafamilie getötet.

Isangi und Baraka sind Grauergorillas. Sie gehören damit zu den 25 bedrohtesten Primatenarten der Welt, laut einer Liste, welche alle zwei Jahre von der IUCN (Internationale Union für Naturschutz) und der amerikanischen Organisation Conservation International veröffentlicht wird.

In umkämpftem Gebiet

Grauergorillas kommen nur im Ostkongo vor, sie leben also seit zwei Jahrzehnten in einem Kriegsgebiet. Vor Beginn der Rebellenaktivitäten wurde ihre Zahl auf 10 000 geschätzt, doch wie viele es heute sind, weiß niemand.

Trotz der schwierigen Sicherheitslage versuchen internationale Nichtregierungsorganisationen, die verbliebenen Wälder und die bedrohten Tiere zu schützen. Das ist nur durch enge Kooperation mit den kongolesischen Behörden möglich. Die promovierte Biologin Dr. Angela Meder von der deutschen Berggorilla & Regenwald Direkthilfe e.V., welche seit vielen Jahren Projekte im kongolesischen Maiko-Nationalpark und am Mt. Tshiaberimu initiiert und fördert, beschreibt das Engagement der Umweltschutzorganisationen im Kongo so: „Ziel ist es immer, die beste Lösung für die Natur und die Menschen zu finden. Das erfordert gemeinsames Vorgehen aller Beteiligten, Verhandlungsgeschick und Aufklärungsarbeit, auch auf politischer Ebene.“

Für den Kochtopf

Erschwerend kommt hinzu, dass nicht nur der Krieg zwischen den verschiedenen Rebellengruppen und der Regierungsarmee das Überleben der Grauergorillas gefährdet. Armut und die zunehmende Anzahl von Mitarbeitern in Bergbauunternehmen lassen den Handel mit Bushmeat, dem Fleisch von Wildtieren, und lebenden Tieren im Osten Kongos in alarmierende Höhen schnellen. Die Zahl konfiszierter Tiere stieg rasant an. In den letzten zehn Jahren waren es 17 Gorilla- und über 50 Schimpansenbabys allein im Nordosten des Landes, die von Behörden beschlagnahmt wurden. Die Affenbabys landen in den drei Waisenstationen der Region. Die aber stoßen mittlerweile an ihre Kapazitätsgrenzen.

Integration und Aufklärung

Das Jane Goodall Institute und Disney’s Animal Kingdom stellten in einer Studie fest, dass in vielen Gemeinden des Ostkongo noch Gorillas gegessen werden, trotz generellem Verbot. Eine große Aufklärungskampagne soll der Bevölkerung nun erklären, warum sie keine bedrohten Tiere jagen sollen. Gleichzeitig müssen den Menschen allerdings auch Alternativen geboten werden. Wie kann das aussehen?

Dr. Meder: „Die Berggorilla & Regenwald Direkthilfe unterstützt beispielsweise die Frankfurter Zoologische Gesellschaft bei der Aussiedlung einer Rebellengruppe aus dem Maiko-Nationalpark in der demokratischen Republik Kongo, damit dieser wieder effektiv geschützt werden kann. Bei diesem langwierigen Prozess mussten die Rebellen zunächst überzeugt werden, den Park zu verlassen und sich wieder in die kongolesische Gesellschaft zu integrieren. Nun haben sie zugestimmt, allerdings unter der Voraussetzung, dass sie dabei unterstützt werden, sich eine neue Lebensgrundlage aufzubauen. Dazu gehört z. B. Hilfe bei der Landwirtschaft, aber auch eine Schule, die gerade gebaut wird.“

Mit Hilfe der Bevölkerung

Dass die Bevölkerung durchaus Interesse am Schutz ihrer Natur hat, zeigt ein Projekt des Dian Fossey Gorilla Fund. In Gemeinde-Reservaten sollen Wälder und Gorillas außerhalb offizieller Schutzgebiete bewahrt werden – mit Hilfe der Bevölkerung. Das kann allerdings nur funktionieren, wenn die Gemeinden dabei unterstützt werden. Deshalb ist der ständige Kontakt zu diesen Menschen sehr wichtig.

Für die Berggorilla & Regenwald Direkthilfe ist der Kongolese Claude Sikubwabo Kiyengo vor Ort. Er lebt in Goma und arbeitet seit über 20 Jahren im Naturschutz. Für die deutsche Umweltschutzorganisation koordiniert er die Projekte für die Bevölkerung. Bei der Übernahme der Stadt durch den M23 kam er glücklicherweise nicht zu Schaden. Aber er wurde schon mehrfach beraubt und zusammengeschlagen. Angela Meder hebt den außergewöhnlichen Einsatz der Natur- und Gorillaschützer im Ostkongo hervor: „Für sie ist das Leben alles andere als einfach. Umso mehr verdienen sie Respekt und Unterstützung.“

Haben konfiszierte Gorillas eine Zukunft?

Die beiden Gorillamädchen Isangi und Baraka sind in diesen Tagen in der Waisenstation Senkwekwe bei Rumangabo. Dort werden sie von erfahrenen Pflegern des Dian Fossey Gorilla Fund und den Tierärzten des Mountain Gorilla Veterinary Project betreut. Da beide Grauergorillas sind, sollen sie in das Gorilla Rehabilitation and Conservation Education Center gebracht werden, sobald sie kräftig genug sind. Dort kommen sie in eine Gruppe mit anderen Grauergorillas und leben auf einem Gelände ähnlich ihrem natürlichen Lebensraum. Vielleicht können sie in einigen Jahren ausgewildert werden und sich einer anderen Gorillagruppe anschließen. Allerdings erst, wenn sie alles gelernt haben, was es zum Überleben in der Wildnis braucht – und wenn nicht mehr die Gefahr besteht, dass sie im Kochtopf landen.

Die Berggorilla & Regenwald Direkthilfe gibt zweimal im Jahr das Gorilla-Journal in Deutsch, Englisch und Französisch heraus, die wichtigste Informationsquelle für Naturschützer und Wissenschaftler zum aktuellen Stand des Gorillaschutzes im Feld. In der aktuellen Ausgabe erfährt man mehr über die von der deutschen NGO unterstützten Programme im Kongo, aber auch über die Situation der anderen Gorillaarten auf dem afrikanischen Kontinent.

  • Das Gorillamädchen Isangi mit seinem Pfleger in der Senkwekwe-Gorillawaisenstation (© Molly Feltner/Mountain Gorilla Veterinary Project)
  • Eine Grauergorilla-Familie im Kahuzi-Biega-Nationalpark (© Carsten Leidenroth)
  • Der Biologe Claude Sikubwabo koordiniert die Projekte der deutschen Berggorilla & Regenwald Direkthilfe im Kongo. (© Berggorilla & Regenwald Direkthilfe)
  • Die neue Ausgabe des Gorilla-Journals (Nr. 45, Dezember 2012)